Julien Marrion, belgischer Häftling in S III

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Julien Marrion, belgischer Häftling in S III

Beitragvon Patrick » Freitag 8. Dezember 2006, 20:14

Vor einiger Zeit bekam der Verein GTGJ Besuch aus Belgien (siehe Zeitschrift). Es war die Tochter des belgischen Häftlings Julien Marrion, die nach Ohrdruf gekommen war, um den Ort zu sehen an dem ihr Vater im Februar 1945 verstorben war.

Vor allem das Vereinsmitglied Ute hat sich sehr um Rose gekümmert. Aus dieser Freundschaft ist eine Brieffreundschaft entstanden und man bat mich, in dieser Angelegenheit als Übersetzer zu fungieren. In späteren Telefonaten mit Rose, stellte sich heraus, das es noch viele offene Fragen für sie gab. Sie fragte mich, ob ich für sie im belgischen Archiv für Kriegsopfer Nachforschungen über ihren Vater anstellen könnte. Wer kann einer so netten älteren Dame schon so einen Herzenswunsch abschlagen - ich sagte zu.

Julien Marrion wurde im Februar 1944 durch die SD Belgien verhaftet, zur Zitadelle in Dinant gebracht und kam von dort ins KZ Breendonk bei Antwerpen. Kurze Zeit später, am 8. Mai 1944 hat man ihn ins KZ Buchenwald, Weimar überstellt.

Julien kam zuerst ins Außenkommando Schwerte. Rose meinte zwar „Schwertz“, aber ich konnte ihr heute in einem persönlichem Gespräch erklären, dass es sich hier um Schwerte bei Iserlohn (Dortmund) handelt.

Inzwischen hatte ich zu Schwerte folgende Informationen gefunden :

Das RAW (Reichsbahn-Ausbesserungswerk) wurde in den Unterlagen des KZ Buchenwald als "Rüstungsbetrieb" geführt. Es war eines von gegen Kriegsende 137 Außenlagern des KZ Buchenwald.

Im RAW wurden Schadlokomotiven repariert, die für Transporte im Osten vorgesehenen Maschinen frostgeschützt und funktionswichtige Teile mit Panzerplatten verkleidet. Für diese Arbeiten wurden die KZ-Häftlinge unter Anleitung deutscher Vorarbeiters eingesetzt.

Durch den kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften wurde im Reichsbahn-Ausbesserungswerk im Frühjahr 1942 für alle Mitarbeiter die 62-Stunden-Woche eingeführt, die zwei Jahre später, 1944, auch für die KZ-Häftlinge galt. Die Gefangenen - die Häftlingsnummern waren an der Kleidung angebracht und nicht in die Haut eingebrannt - arbeiteten, ebenso wie die übrige AW-Belegschaft im Reparaturbetrieb, in Wechselschicht. Die Tagschicht ging von 7 Uhr bis 18.30 Uhr mit einer Mittagspause von 13 Uhr bis 13.45 Uhr, Arbeitsbeginn der Nachtschicht war 18.30 Uhr, Arbeitsende 5.50 Uhr, die Arbeitspause wurde von 24 Uhr bis 0.35 Uhr eingelegt. Sonntags wurde mit verringerter Belegschaft nur in der Tagschicht von 7 bis 12 Uhr gearbeitet.

Oberscharführer John führte über den Arbeitseinsatz des Häftlingskommandos beim Reichsbahn-Ausbesserungswerk für das "K. L. Buchenwald" sorgfältig Buch. In die Vordrucke der täglichen Arbeitszettel einzutragen waren neben Datum und jeweiliger Schichtstärke auch die Zahl der Kranken. Am 11. April 1944, vier Tage nach dem Eintreffen der Häftlinge in Schwerte-Ost, mußte John von jeweils 50 Gefangenen für die Tag- und Nachtschicht für jede Schicht drei "krank" melden. Durchschnittlich lag der Krankenstand im April je Schicht zwischen zwei und drei, gelegentlich bis zu fünf Gefangenen. Die Angaben des sowjetischen Arztes Dr. Alexej Gurin in dem Buch "War behind barbed wire", er habe in Schwerte 77 Gefangene krank geschrieben, sind widersprüchlich und werden durch die Krankenstatistik in keiner Weise bestätigt.

Unter den Gefangenen, die größtenteils als Häftlings-Hilfsarbeiter geführt wurden, herrschte Fluktuation. So trug John am 17. April unter der Rubrik "Transport" acht Häftlinge ein und am 20. April einen "Zugang Bu 10", also zehn neue Gefangene aus Buchenwald. Die Gründe für den Gefangenenaustausch sind aus den Unterlagen nicht ersichtlich. Sehr wahrscheinlich aber wurden arbeitsunfähige Häftlinge nach Buchenwald zurückgeschickt und durch kräftigere Männer ersetzt. "Durch Zugang v. 20. 4." vermerkte John in sorgfältiger, kleiner Handschrift ein "neues Soll 101 Hftl.". Das SS-Arbeitslager Schwerte teilte dem Rapportführer für das Konzentrationslager Buchenwald am 5. Juni 1944 eine Anschlussstärke von 225 Gefangenen mit. Unter "Abgang" wurden zwei erfaßt. Diese zwei wurden mit TBC-Verdacht der Krankenlagerleitung überstellt.

Der KZ-Außenposten im Reichsbahn-Ausbesserungswerk Schwerte-Ost wurde nach Unterlagen der Gedenkstätte Buchenwald mit der Rückführung von 201 Gefangenen am 15. Januar 1945 aufgelöst. In einer Mitteilung der Abteilung III Schutzhaftlager Weimar-Buchenwald an die Politische Abteilung des KL Buchenwald vom 25. Januar 1945 über die Flucht von zehn Gefangenen aus Schwerte während des Rücktransports am 11. Dezember 1944 ist ebenfalls davon die Rede, das Kommando Schwerte sei zwischenzeitlich aufgelöst worden.

Über Zu- und Abnahme der Lagerstärke im Zeitraum von April 1944 bis Februar 1945 geben Stärkemeldung der Außenkommandos und Arbeitsstatistik ein gutes und umfassendes Bild. Am 9. April lag die Appellstärke in Schwerte bei 100 Mann, am 3. August bei 447, am 29. September bei 701, am 19. November bei 670, am 21. Januar 1945 bei acht Männern. Bei diesen acht Gefangenen handelte es sich, wie ein von der Gedenkstätte Buchenwald vorgenommener Vergleich der Häftlingsnummern ergab, um Flüchtige.

Im November verringert sich die Lagerbelegung, wie aus der Arbeitsstatistik hervorgeht, um etwa 100 Personen, um im Dezember des gleichen Jahres noch einmal um etwa 150 Personen und zweimal um jeweils gut 100 Menschen. Ende 1944 weist die Arbeitsstatistik für Schwerte noch eine Gesamtstärke von 174 Gefangenen aus.

Der Rücktransport der Gefangenen nach Buchenwald erfolgte teilweise in Güterzügen, teilweise aber auch möglicherweise zu Fuß in Trupps von rund 100 Mann. Ende Dezember wird in Buchenwald neben einigen Fluchten ein Zugang von 101 Leuten registriert, am 3. Januar 1945 ein weiterer mit 100 und Mitte Januar ein Zugang von 201 Leuten.

"Eines Tages mußten wir fort", beschreibt der frühere KZ-Häftling Leon van Oyenbrugge in der französischen Fassung seiner "Erinnerungen an Schwerte" die Lagerauflösung. Demgegenüber ist in der niederländischen Darstellung im gleichen Zusammenhang von "Evakuierung" die Rede. Und zwar "zu Fuß und für viele Tage". Es war ein kalter, strenger Winter. Der Schnee lag hoch. "Wir liefen Tag und Nacht." Und wenn es nicht schneite, regnete es. Auf ihrem Marsch lutschten die Männer Schnee, um den Durst zu stillen. "Diejenigen, die nicht folgen konnten, bekamen einen Genickschuß. Wir ließen die Toten hinter uns." Nach ungefähr acht Tagen erreichten sie das KZ Mauthausen, wo man einige Monate blieb. Am Ostersonntag, 1. April 1945, zogen sie weiter und ein oder zwei Tage später waren sie in Buchenwald, so der Bericht Oyenbrugges.

Demgegenüber weist Dr. Harry Stein, Gedenkstätte Buchenwald darauf hin, daß nach dem derzeitigen Kenntnisstand Rücktransporte von den einzelnen Außenlagern ins Stammlager üblicherweise mit der Eisenbahn vorgenommen worden seien. Das Eisenbahnnetz sei zu diesem Zeitpunkt noch relativ in Ordnung gewesen.

Im Frühjahr 1945 erzitterte Schwerte unter schweren Flächenbombardements der alliierten Luftstreitkräfte. Bei dem Bombenangriff am 11. April 1944 beschädigten 15 Sprengbomben die Schmiede, das Eisenlager, das Kesselhaus und eine Krananlage im RAW. Dabei wurden zehn Menschen getötet und 40 verletzt. Einen Tag später, am 12. April, wurde das Werk von den Amerikanern besetzt.

Von Schwerte kam Julien später nach Ohrdruf, wo er Ende Februar 1945 verstarb.

Auch jetzt gibt es noch einige offene Fragen, wie die Umstände seiner Verhaftung und der Transport nach Dinant, sowie später die Zeit in Breendonk. Unter anderem übergab ich heute an Rose auch eine Kopie der Exhumierungsakte ihres Vaters Julien, ich hatte seinen Namen nach intensiven Recherchen in den riesigen Aktenbestand doch noch entdeckt.

Am heutigen Tag trafen wir uns also das erste Mal persönlich und ich konnte der Familie alle Unterlagen, die ich in den Archiven finden konnte übergeben. Zu diesem Anlaß waren extra die zwei Töchter und der Sohn gekommen um sich meine Erklärungen zu den einzelnen Unterlagen an zu hören.

Ich möchte an diese Stelle nochmals Ute ganz herzlich für das Vertrauen, das sie in mich gesetzt hat danken. Inzwischen hat sich aus den Kontakt mit Rose eine neue Freundschaft entwickelt.

Mit der Geschichte von Rose und ihrer Suche nach den letzten Jahren im Leben ihres Vater Julien zeigt sich nochmals deutlich, das hier nur mit einer überregionale Zusammenarbeit zwischen dem Verein GTGJ und dem Förderverein „Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V. diese Geschichte ein Ende finden konnte. Es liegen immer Welten zwischen Reden und Handeln und wir haben hier gemeinsam gehandelt, weil man uns vertraute. [-<5>-]

Patrick

Eind Bild zeigt Julien Marrion mit sein Sohn, der heute dabei war.
Anderes Bild ist die Familie beim Gespräch heute.
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Patrick
 

Beitragvon kps » Samstag 9. Dezember 2006, 11:34

Danke Patrick - wir haben auch bereits einige Akten aus dem BW-Archiv an Rose übergeben und Ihre Unterlagen aus Arolsen ergänzen können. Was steht auf der Exhumierungsakte ihres Vaters? Kann nun nachgewiesen werden, wo er nachseinem Tod "verscharrt" wurde? Wir vermuten bisher die Massengräber am Hainberg bei Ohrdruf.

Ich stelle diese Tage noch ein paar Ergänzungen ein. Ich verschiebe die Diskussion ins Personenregister (look-)

Lasst uns den vielen Nummern der Häftlinge von S III wieder ein Gesicht und einen Namen geben. Dies sind die wahren Schätze, die es in Zukunft zu heben gilt.

[-<5>-]
kps
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Beitragvon ute » Montag 11. Dezember 2006, 22:50

danke patrick, sie wird nun nicht mehr suchen müssen, und mehr innere ruhe finden dank deiner ,unserer hilfe. mehr kann man nicht tun. sie weiss , wo sie trauern kann.

ich war mit viel herz dabei, weil ich diese ungewissheit kenne. auch meine familie sucht noch nach angehörigen.

danke für die gute zusammenarbeit.
ute
 

Beitragvon kps » Sonntag 25. Februar 2007, 11:33

Hallo Ute, ich habe heute die Unterlagen zu Häftlingsschicksalen sortiert und werde diese ins Archiv übergeben. Anbei noch einige Nachträge.

Herr Marrion trug in Buchenwald die Häftlingsnummer 48607. Er wurde in der täglichen Veränderungsmeldung des KZ + aller Außenlager am 23. März 1945 als Abgang registriert - verstorben am 25. Februar 1945 im Außenlager S III. Leider war bis zum heutigen Zeitpunkt nicht zu ermitteln, ob sein Leichnahm nach Buchenwald gebracht wurde oder im Bereich S III verscharrt wurde. Zu vermuten ist, dass er unter den vielen Toten ist, die im Bereich des Massengrabes auf dem Truppenübungsplatz die letzte Ruhestätte fanden. Nach Informationen in der Gedenkstätte Buchenwald musste wegen Brennstoffmangel Ende Februar glaube ich die Verbrennung der Opfer eingestellt werden und auch in Buchenwald wurden Massengräber angelegt - heute Bereich Glockenturm. Aufgrund der Transportprobleme zum Kriegsende sind die S III Toten daher vrmtl. ab diesem Zeitpunkt in Lagernähe zu suchen. Daher standen wir 2005 mit den Angehörgen vrmtl. richtig am großen Massengrab und somit dem Grab ihres Vaters.

Wie bereits beschrieben, erfolgte die Meldung der "Abgänge" vom Außenlager S III erst fast 4 Wochen später, was für S III leider normal war.

Herr Marrion wurde am 08.02.1944 vom SD Brüssel verhaftet und zählt seit dem 08.05.1944 zum Bestand von Buchenwald. Seinen Transport nach S III lege ich auch nach den 15.01.1945 - ca. 4 Wochen vor seinem Tod (Diagnose Nierenentzündung - Schonungsblock 9).

MfG
kps
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Beitragvon ute » Sonntag 25. Februar 2007, 13:01

danke, kps,

habe auch von patrick ein bild, wo herr marion mit sohn zu sehen ist.
würde gern an der gedenkstunde auf dem tüp teilnehmen,schon auf grund meiner bekanntschaft mit rose.
dank des offenen archiv für mitglieder , konnte ich ja viele zeugenaussagen lesen und es bedarf ,keiner worte.


denk noch mal über deinen entschluss auszutreten nach, diese thematik braucht dich ganz besonders.
ich bin bestimmt nicht die einzige, die so denkt
ute
 


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