Kap. 4: Sowj. RBr in der DDR - Teil 1 - 01.02.14

Moderator: Panzermann

Kap. 4: Sowj. RBr in der DDR - Teil 1 - 01.02.14

Beitragvon Panzermann » Donnerstag 10. November 2011, 19:59

Hallo an der Raketenthematik interessierte Forum-User!

Wie ich heute früh im Beitrag "SS-20 in der DDR oder Thüringen?" schon darauf hingewiesen habe, möchte ich jetzt das Kapitel 4 des Themas "Stationierung sowjetischer Boden-Boden-Raketen auf dem Territorium der DDR" ins Forum stellen. Ich bereit, nach Abschluß der Tagesordnung am Sonnabend mögliche Fragen zu beantworten bzw. ergänzende Hinweise entgegenzunehmen. Wie immer bin ich für Hinweise auf Fehler dankbar.

Im Teil 2 des Kapitels "Die Raketenbrigaden der sowjetischen Streitkräfte in der DDR" werden die die "Temp-S"-Raketenbrigaden, die "Oka"-Raketenbrigade und die "Totschka"-Brigaden behandelt.

4. Die Raketenbrigaden der sowjetischen Streitkräfte in der DDR – Teil 1

4.1 Allgemeines
Nach dem die USA Ende 1954, entgegen heftigen Widerständen aus dem In- und Ausland und des Vorschlages der Sowjetunion über eine kernwaffenfreie Zone in Mitteleuropa, begonnen hatte, die in der BRD stationierte 7th US ARMY mit sogenannten Battlefield Short-Range Ballistic Missile – BSRBM (kriegsschauplatzgebundenen Kernwaffensystemen) auszurüsten, begann die Sowjetunion ab 1958 ihre in der DDR statio-nierten Streitkräfte ebenfalls mit operativ-taktischen und taktischen Kernwaffensys-temen auszurüsten. Die Gründe für die spätere Einführung von taktischen Kernwaffensystemen in der Sowjetarmee im Vergleich zur US-Armee nennt Dr. Matthias Uhl in seinem bereits genannten Beitrag "Atomraketen für die NVA", der in dem Sammelband "Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR" veröffentlicht wurde. Hier das Zitat (S.191f):

"Nach dem Ende des Zweiter Weltkrieges sah sich die politische und militärische Führung der UdSSR gezwungen, alle ihre zur Verfügung stehenden Ressourcen für die Entwicklung und den Bau strategischer Atomwaffen sowie der hierfür benötigten Trägermittel zu verwenden. Demgegenüber wurde taktischen Kernwaffen zunächst nur eine geringe Aufmerksamkeit geschenkt, vertraute die Militärführung doch auf die verfügbaren starken konventionellen Kräfte der sowjetischen Armee. Aufgeschreckt durch Geheimdienstberichte über die beginnende Ausstattung der US-Streitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen, befahl Mitte der fünfziger Jahre Partei- und Staatschef Chrustschow, unverzüglich die Sowjetarmee ebenfalls mit derartigen Waffen auszurüsten.
Wie die USA auch, setzte die sowjetische Militärführung zunächst auf den Bau von großkalibrigen Atomgeschützen. Die zwischen 1955 und 1959 entwickelten Selbstfahrlafetten der TypenS-54 Kondensator und 2B2 Oka mit einem Kaliber von 406 bzw. 420 mm erwiesen sich jedoch als derart schwerfällig und unbrauchbar, daß ein Truppeneinsatz außer Frage stand. Beide Projekte mußten auf Anweisung des ZK der KPdSU im Frühjahr 1959 eingestellt werden. Das hinderte Chrustschow freilich nicht daran, die Waffensysteme bereits am 7. November 1957 bei der alljährlichen Militärparade auf dem Roten Platz der staunenden Weltöffentlichkeit vorzuführen. Als »Propagandawaffen« erwiesen sich auch die am selben Tag gezeigten taktischen Atomraketen der Typen Filin (FROG-1) und Mars (FROG-2). …
Der präsentierte Raketenkomplex Filin (FROG-1) wurde allerdings nie in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen, sondern fand lediglich als Erprobungsträger Verwendung. Demgegenüber wurde das Waffensystem Mars (FROG-2) ab März 1958 offiziell in die Ausrüstung der Sowjetarmee übernommen."

Dem Oberkommando der GSSD und den in der DDR stationierten sowjetischen Armeen wurden in der Folgezeit mit Operativ-Taktische Raketen (OTR) ausgerüstete Raketenbrigaden (RBr) unterstellt, während die Panzer- und Mot-Schützendivisionen der GSSD mit Taktischen Raketen (TR) ausgerüstete Raketenabteilungen (RA) erhielten. Die genannten Raketentruppenteile wurden zum größten Teil auf der Basis der bisher in der GSSD vorhandenen Artilleriedivisionen formiert. Zuerst wurden dem Oberkommando der GSSD drei direkt unterstellten Raketenbrigaden zugeführt. Erst danach erhielten die Armeen ihre Raketenbrigaden. Die Reihenfolge der Zuführung der RBr ist bisher nicht bekannt. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, daß die Zuführung der RBr, einschl. der Kernsprengköpfe, im Verlaufe des Jahres 1961 abgeschlossen wurde.

4.2 Die Ingenieurbrigaden der Reserve des Oberkommandierenden der sowjetischen Streitkräfte
Im August 1958 wurden aus dem Bestand des Stellvertreters des Verteidigungsministers der UdSSR für Spezialbewaffnung und Raketentechnik in den Bestand der sowjetischen LaSK die "Ingenieurbrigaden der Reserve des Oberkommandie-renden" (инженерные бригады РВГК) übergeben, die in der zweiten Hälfte der 1940er und Anfang der 1950er Jahre aufgestellt worden waren. Die Raketenverbände wurden anfänglich als "Brigaden der besonderen Bestimmung der Reserve des Oberkommandierenden" (бригады особого назначения РВГК, auch бригады ОСНАЗ РВГК) bezeichnet, erst von 1953 an erfolgte die Umbenennung in "Ingenieurbrigaden der Reserve des Oberkommandierenden". Diese Brigaden wurden ab 1955 mit operativ-taktischen Raketen vom Typ R-11 / 8A61 ausgerüstet. Zu den ersten drei an die sowjetischen LaSK übergebenen Brigaden gehörten:

- die 77-я инженерная бригада РВГК, die 1953 auf dem Polygon Kapustin Jar formiert worden war. Sie wurde im
Прикарпатский Военные Округ (BO) statio-niert. Die Brigade war bei ihrer Gründung mit der Rakete R-2 (sowjetische
Nach-folgemodell der V-2) ausgerüstet.
- die 90-я инженерная бригада РВГК, die 1952 auf dem Polygon Kapustin Jar formiert wurden war. Sie wurde im
Киевский ВО stationiert. Die Brigade war bei ihrer Gründung ebenfalls mit der Rakete R-2 (sowjetischen Nachfolgemodell
der V-2) ausgerüstet.
- die 152-я гвардейская инженерная бригада РВГК, die am 19. April 1958 aufgestellt wurde. Sie wurde im Juni
1960 in 152-я гвардейская ракетная бригада umbenannt.
- die 153-я ракетная бригада, die am 20. Juni 1958 aufgestellt wurde. .
- die 233-я инженерная бригада РВГК, die 1955 auf der Basis des Personalbestandes der Artilleriebrigade der
Reserve des Oberkommandierenden des Воронежского ВО formiert worden war. Sie wurde 1955 mit der R-11M
ausgerüstet.

1960 wurden zwei weitere mit dem Raketenkomplex 8K11 ausgerüstete Brigaden, jetzt als Raketenbrigaden bezeichnet, aufgestellt:

- die 199-я гвардейская ракетная бригада, die am 01. Juli 1960 auf der Basis der 199-й гвардейской пушечной
артиллерийской бригады formiert worden war, startete erst 1962 ihre erste Rakete und
- die 159-я ракетная бригада.

Damit verfügte die Sowjetarmee 1960 über folgende fünf Brigaden, die mit OTR vom Typ R-11M ausgerüstet waren:

- die 77. Raketenbrigade,
- die 90. Raketenbrigade,
- die 152. Raketenbrigade,
- die 153. Raketenbrigade,
- die 159. Raketenbrigade
- die 199. Raketenbrigade und
- die 223. Raketenbrigade,

Quelle: http://russianarms.mybb.ru/viewtopic.php?id=2991 (abgerufen am: 01. Febr. 2014 14:41)

4.3 Die operativ-taktischen Raketen R-11 / 8A61 und R-11M / 8K11
Die OTR R-11 / 8A61, "Зе́мля", Nato-Code: SS-1B "SCUD A" wurde am 13. Juli 1955 in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen. Anfänglich wurde die R-11 noch von dem Starttisch 8U22 (8У22) gestartet, d. h., es war noch keine Ketten- bzw. Rad-Startrampe vorhanden. Der Starttisch wurde von einem Kfz in die Startstellung transportiert und dort abgesetzt. Danach wurde die Rakete auf einem Sattelauflieger SIS-151 (ЗИС-151) in die Startstellung transportiert und mit einer Aufrichtvorrichtung (8У227 – установщик), die auf einem Artillerieschlepper vom Typ AT-T basiert war, aufgerichtet. Ein Schema des Komplexes R-11 ist im In-ternet auf der Seite http://military.tomsk.ru/blog/topic-176.html (abgerufen am: 02. Nov. 2011 16:13) zu finden.

Einige taktisch-technische Daten der R-11: Länge – 10.424 mm, Durchmesser der Rakete – 880 mm, Spannweite – 1.818 mm, Startgewicht – 4.460 kg, davon Treib-stoff 3.664 kg, Reichweite mit 1.000 kg-Gefechtskopf 60 – 150 km, CEP – 3.000 m (+/- 1.100 m in der Entfernung und +/- 1.050 m in der Seite für 65 % aller Starts). Diese Rakete wurde nicht in die Bewaffnung der Linieneinheiten aufgenommen, sondern nur auf dem Polygon Kapustin Jar, möglicherweise auch auf anderen Übungsplätzen, zu Testzwecken genutzt.

Die Weiterentwicklung der R-11, die R-11M / 8K11 wurde am 01. April 1958 in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen.

Einige taktisch-technische Daten der R-11M: Länge – 10.344 mm, Durchmesser der Rakete – 880 mm, Spannweite – 1.818 mm, Startgewicht – 5.409,6 kg, davon Treibstoff 3.705 kg, Reichweite mit 690 kg-Gefechtskopf 60 – 180 km, Abwei-chung am Ziel: +/- 750 m … 1.500 m. Die R-11M konnte neben einem konventionellen 1.000kg- Gefechtskopf auch mit einem Kernsprengkopf vom Typ РДС-4 (БЧ 3Н10) mit einer Sprengkraft von ca. 10 kT TNT bestückt werden. Der Kernsprengkopf БЧ 3Н10 war im April 1958 in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen worden. Spätere kamen weitere Kernsprengköpfe hinzu.

Nach Preisen von 1958 kostete eine R-11M mit konventionellem Gefechtskopf zwi-schen 42.000 bis 53.200 Rubel, mit Kernsprengkopf zwischen 4 bis 8 Millionen Ru-bel.

Die Zeit zur Startvorbereitung für die R-11, die vom Starttisch gestartet wurde betrug 3,5 Stunden. Für eine betankte R-11M, die von der Startrampe gestartet wurde, ver-kürzte sich die Zeit auf 30 Min. Mit dieser Rakete wurden, wie bereits oben aufge-führt die 77., 90., 159., 199. und 233. selbständige Raketenbrigade ausgestattet.

Wahrscheinlich war nur die 223. RBr in der DDR stationiert (siehe unten). Die Rakete wurde unter der Bezeichnung R-150 (Р-150) in folgende Staaten exportiert: Bulgarien, Ungarn, DDR, Iran, China, KVDR, Polen, Rumänien und Tschechoslowakei.

Quelle der TTD der Raketen: http://military.tomsk.ru/blog/topic/209/topics.html (abge-rufen am: 04. Nov. 2011)

Für die R-11 M wurde in den Jahren 1955 bis 1956 die Startrampe 8U218 (8У218) "Тюльпан" ("объект 803") auf der Basis der SFL ISU-152K (ИСУ-152К) entwickelt. Von 1959 bis 1962 wurden insgesamt 56 Startrampen 2U218 produziert. Auf Beschluß Nr. 1116 vom 10. Okt. 1962 wurde die Startrampe 8U218 aus der Produk-tion genommen. Die Startrampe 8U218 ist äußerlich von der später eingesetzten Startrampe 2P19 durch das Vorhandensein nur eines Druckluftbehälters auf jeder Fahrzeugseite zu unterscheiden. Ansonsten sind Startrampen äußerlich zwar sehr ähnlich, aber innerlich unterschiedlich.

Die Startrampe 2U218 diente zur Durchführung nachfolgender Arbeiten an der Rakete R-11 / R-11M:

- Transport,
- Überführung der Rakete aus der Marsch- in die Gefechtslage,
- Überprüfung der Rakete,
- Vorbereitung der Rakete zum Start,
- Betankung,
- Auffüllung,
- Gefechtskopfmontage,
- Richten und Starten.

Das Basisfahrzeug ISU-152K hatte eine Gefechtsmasse von 40 t, einen Fahrbereich von ca. 350 km, eine mittl. Geschwindigkeit mit Rakete von 30 km/h, eine Länge von 6,77 m und eine Breite von 3,07 m.

Um eine Vorstellung zu erhalten, was zu einem OTR-Komplex mit der Rakete R-11M / 8K11 gehört, sind nachfolgend die Bestandteile dieses Komplexes aus der DV 11/14 Teil 1 der NVA aufgeführt:

- die Rakete 8A61 bzw. 8K11
- die Startrampe 8U218
- das Transportgestell für bis zu 3 nichtbetankten Trägern für verschiedene Fahr-zeuge - 8T04
- der Sattelanhänger - 8T137
- das isothermische Fahrzeug auf ZIL-157W - 8T328
- der Kran (ZIL-157W mit Sattelauflieger) mit Traverse 8T22.1001 - 8T22
- der Tankwagen auf ZIL-157 für Brennstoff – 8G114 / 2G1
- der Tankwagen auf ZIL-157 für Oxydator – 8G17 / 8G17M
- die fahrbare Kompressorstation auf Zil-157 – 8G33U oder 5K62
- der Auftankbehälter
- Prüffahrzeug – 8N16
- das Benzin-Elektro-Aggregat auf Anhänger AP-1 – 8NO1
- die Batterieladestation – 8NO67
- das Ladeaggregat – 8N03
- das EWZ-Fahrzeug – 8T339
- der Luftvorwärmer – 8G27U
- da Wasch- und Neutralisationsfahrzeug – 8T311
- der Luftfeuchtigkeitsmesser – 8Sch31
- das Technologisches Zelt auf Zil-157 – 8Ju11
- die Vorrichtung – 8T05

Eine mit der Rakete R-11 ausgerüstete RBr hatte folgende Grobstruktur:

- drei Raketenabteilungen mit jeweils drei Startbatterien, die wiederum über jeweils eine Startrampe 8U218 verfügten
(insgesamt in der RBr – 9 Startrampen 8U218);
- eine Führungsbatterie;
- eine Pioniereinheit;
- Einheiten zur Gefechts- und Technischen Sicherstellung

Die RBr hatte bis zu 500 Kfz der verschiedensten Typen im Bestand. Der Personalbestand soll aus über 800 Mann bestanden haben. Zwischen den sowjetischen und NVA-RBr gab es Unterschiede.

4.4 Erste Stationierung von OTR-Raketen des Typs R-11 in der DDR
Im Mai 1955 erhielt die 223. Ingenieurbrigade auf der Grundlage der Direktive des Generalstabes der sowjetischen Armee Nr. 3/464128 drei selbst. Raketenabteilungen mit Verleihung der Abteilungsnummern und der Truppenfahnen. Auf der Grundlage der Direktive des Befehlshabers der Truppen des Woronescher Militärbezirkes Nr. 6/1/00659 vom 07. Mai 1958 wurde diese RBr in die DDR verlegt und dem Oberkommandierenden der GSSD unterstellt. Der Stationierungsort soll von 1958 bis 1966 Kochstedt/Dessau gewesen sein. Die Verlegung in diesen Standort erfolgte vom 06. Sept. bis 6. Okt. 1958 per Eisenbahntransport unter Berücksichtigung der operativen Tarnung, was dies auch immer bedeutet haben mag. Zur Erstausrüstung der 233. RBr gehörten Raketen vom Typ R-11. Die 223. Ingenieurbrigade war damit offensichtlich der erste mit Raketen R-11, Nato-Code: SS-1B "SCUD A", ausgerüstete Verband auf dem Territorium der DDR, was so bisher nicht bekannt war.

Zur 223. Raketenbrigade gehörten am 20. Juli 1960 folgenden Einheiten:

- die 15. selbständige Raketenabteilung, die 1962 von Oschatz nach Kochstedt/Dessau verlegt worden sein soll.
- die 16. selbständige Raketenabteilung,
- die 249. selbständige Hubschrauberkette sowie
- Führungs- und Sicherstellungseinheiten.

Vom Juli 1960 bis April 1963 wurde die dritte selbst. RA aus der Brigade herausgelöst und als selbstständiger Truppenteil der 1. Garde-Panzerarmee unterstellt. Auf der Grundlage der gleichen Direktive wurde die Brigade auf dem Raketenkomplex mit Raketen vom Typ R-11 / 8A61 (später R-11M / 8K11) umgerüstet.

Entsprechend der Direktive des Generalstabes Nr. Org/3/111380 vom 07. Mai 1964 wurde die 233. RBr in folgendem Bestand der 1. Gardepanzerarmee unterstellt.

- die 15. selbständige Raketenabteilung,
- die 16. selbständige Raketenabteilung,
- die 33. selbständige Raketenabteilung sowie
- Führungs- und Sicherstellungseinheiten.

Auf der Grundlage der Direktive des sowjetischen Generalstabes Nr. 86070 vom 27. Mai 1966 wurde die 233. RBr mit der 3635. BRTB wieder in die Sowjetunion und zwar in die Belorussische SSR zurück verlegt und der dort stationierten 28. Allgemeinen Armee unterstellt.

Quelle der obigen Informationen zur 233. RBr:
http://scucin-avia.narod.ru/dalnij/prtb ... istory.htm (abgerufen am: 31. Okt. 2011 16:34)

Dr. Manfred Uhl schreibt in seinem in dem Buch "Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR" abgedruckten Beitrag "Atomraketen in DDR" auf der Seite 123: "Bis Ende 1961 lieferte die Rüstungsindustrie der UdSSR an die Sowjetarmee insgesamt 1262 R-11M /SCUD-A) sowie 155 Abschußrampen des Typs 8U218. Mit dieser Ausrüstung konnten mindestens 25 Raketenbrigaden aufgestellt werden. Da die Streitkräfte der UdSSR zu diesem Zeitpunkt über rund 20 Armeen verfügten, ist davon auszugehen, daß bis 1961 die Ausstattung der Sowjetarmee mit einem operativ-taktischen Kernwaffeneinsatzmittel abgeschlossen war. Jetzt konnten auch die übrigen Streitkräfte des Warschauer Paktes mit Atomraketen dieses Typs ausgerüstet werden."

4.5 Die Raketenbrigaden der NVA
Nach dem am 15. Mai 1962, gemäß den Befehlen 17/62 und 106/62 des MfNV, die selbständige Artilleriebrigade-2 (sABr-2) der NVA (ab 07. Okt. 1967 5. RBr) in Stallberg aufgestellt worden war, erhielt sie bereits im Sept. 1962 die ersten drei Startrampen 8U218 für die Rakete R-11M / 8K11, Nato-Code: SS-1B "SCUD A". Deshalb kann man davon ausgehen, daß bis zu diesem Zeitpunkt alle Armeen der GSSD eine mit R-11M ausgerüstete RBr im Bestand hatten. Zeitgleich mit der sABr-2 wurde in Brück die Bewegliche Artillerietechnische Basis 2 (BATB-2, ab 07. Okt.1967 BRTB-5) aufgestellt. Am 01. Mai 1958 wurde im Rahmen der sABr-2 eine III. RA aufgestellt, die im April 1975 nach Tautenhain (nordöstl. des Hermsdorfer Kreuzes) verlegt wurde. An diesem Standort wurde ab Mai 1975 die mit OTR-Systemen ausgerüstet 3. RBr formiert. Zum gleichen Zeitpunkt begann die Aufstellung der BRTB-3 auf dem Jägerberg in Jena durch Herauslösung und Verlegung der 2. Technischen Batterie aus der BRTB-5 (Brück). In diesem Objekt war vorher das zur 4. MSD (Erfurt) gehörende PiB 4 stationiert, das nach Bad Salzungen verlegt wurde.

Nach meinen bisherigen Informationen war die Sicherstellung der NVA mit Kernsprengköpfen aus den in den Jahren 1967 und 1968 errichteten Lagern in Ly-chen/Himmelpfort für den MB-V (Speziallager 4001) und Linda bei Stolzenhain für den MB-III (Speziallager 5001) geplant. Diese Lager waren von der DDR erbaut und durch die NVA 1968 an die GSSD übergeben worden. Sie zählten zu den Kernwaffenlagern der 1. Kategorie. Meines Wissens war eine direkte Zuführung von Kernsprengköpfen aus den zur GSSD gehörenden BRTB, zumindest zu Beginn eines Krieges, an die RBr der NVA-Armeen (Militärbezirk 3 und 5) und die RA der NVA nicht vorgesehen. Entsprechend eines im von Paul Bergner "Atombunker im Kalten Krieg und das PROGRAMM DELPHIN" abgedruckten Auszuges aus einer Vereinbarung zwischen der UdSSR und der DDR hatte die DDR-Seite den Empfang sowie den Transport der vorbereiteten Kernsprengköpfe von den in der Nähe der Objekte festgelegten Räumen zu den eigenen Raketentruppenteilen zu gewährleisten. Dazu hat die DDR-Seite die erforderliche Anzahl spezieller isothermischer oder Pritschenfahrzeuge, die für den Transport ausgerüstet sind, zu unterhalten. Aufklärung über diesen Sachverhalt erhoffe ich mir von dem im nächsten Jahr erscheinenden Buch über die Raketentruppen und Artillerie der NVA.

Auf folgender Internetseite http://www.peterhall.de/srbm/westerngroup/wg51.html (abgerufen am: 02. Nov. 2011 13:31) hat Peter Hall das Schema der Gefechtskopfzuführung dargestellt.

Siegfried Lautsch, ehemaliger Angehöriger der Operativabteilung des MB-V (Neu-brandenburg) hat in seinem Beitrag "Zur operativen Einsatzplanung der 5. Armee der NVA im Rahmen einer Front der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Vertragsorganisation in den 1980er Jahren", abgedruckt im Band 12 der Potsdamer Schriften zur Militärgeschichte des MGFA, zum Einsatz von Raketen und Kernwaffen durch die NVA folgende Angaben gemacht (Seite 54ff):

"Noch bis Mitte der 1980er Jahre wäre der Einsatz von Kernwaffen seitens des Warschauer Vertrages unter unterschiedlichen Lagebedingungen wahrscheinlich gewesen. So u. a. als Antwort auf einen nuklearen Ersteinsatz der NATO, aber auch bei fortschreitende Niederlage der eigenen Streitkräfte, bei erheblichen Verlust der eigenen Kampfkraft, bei entscheidender Schwächung der eigenen Kräfte und Mittel, die das Erreichen der operativen oder strategischen Zielsetzung gefährdeten, sowie bei der Infragestellung bzw. Nichterfüllung der gestellten Zielsetzung der Front oder der Armeen.
Die NVA-Landstreitkräfte verfügten im Frieden zwar über Kernwaffenträger aber über keine Kernwaffen. Die nuklearen Gefechtsköpfe für die Trägersysteme der NVA wurden in Friedenszeiten in sowjetischen Kernwaffenlagern auf dem Territorium der DDR gelagert. Allein die sowjetischen Streitkräfte garantierten ihre Kontrolle und Sicherheit. Die Gefechtsköpfe wären auf besonderen Befehl der 1. Front (Anm.d.Verf. – GSSD/WGT) von den Kernwaffenlagern durch sowjetische Raketentransportabteilungen zu festgelegten Abholpunkten (Übergabepunkten) transportiert, durch Spezialeinheiten der »Beweglichen Raketentechnischen Basis« der NVA-Armee übernommen, in die Räume der Raketenstartstellungen weiter transportiert und dort auf die Raketen montiert worden. Das Übergabe-Übernahme-Prozedere der Gefechtsköpfe folgte einer durchgängigen Systematik. Dazu gehörten vorbereitete Übernahmedokumente, Codeworte, Vollmachten und spezielle Ausweisezur Legitimation.

Zur Struktur der »NVA-Raketentruppen« zählten mit Beginn der 1980er Jahre die jeweiligen Raketenbrigaden der 3. und 5. Armee, darüber hinaus die Raketenabtei-lungen der Mot.-Schützendivisionen und der Panzerdivisionen. Die Raketensysteme der Raketenbrigaden waren geeignet, operativ-taktische Raketen, die Divisionen taktische Raketen zu verschießen.
Die 5. Armee hätte im Kriegsfall über 12 Startrampen für operativ-taktische Rake-ten des Typs SCUD-B (System R 17 9k72) mit einer Reichweite von 50 bis 300 km und weitere Startrampen für SS-23 Spider (System 9K714 OKA) mit einer Reichweite von maximal 450 km verfügt. In den Raketenabteilungen taktischer Bestimmung der Divisionen befanden sich jeweils vier Trägermittel für FROG (System 9K52 LUNA M) mit einer Reichweite von 15 bis 65 km und SS-21 (System 9K79 TOTSCHKA) mit einer Reichweite von bis zu 70 km.
Die Raketen konnten sowohl mit konventionellen Splitter-, Spreng- und Kassettengefechtsköpfen, als auch mit nuklearen Gefechtsköpfen bestückt werden. Ihre nukleare Gefechtskopfladung lag bei der operativ-taktische Rakete zwischen 10 und 500 kT TNT, bei der taktischen Rakete zwischen 5 und 200 kt TNT. (Anm. d. Verf. – Die im Süden der DDR stationierte 3. Armee der NVA hatte keine SS-23 im Bestand)."

Siegfried Lautsch äußert sich in seinem Beitrag auch zu Zielen gegen die die Rake-ten der 5. Armee hätten eingesetzt werden sollen (Seite 57):

"Im Rahmen der Handlungen der 5. Armee hätte die 5. Raketenbrigade (5. RBr) der NVA die Aufgabe gehabt, der gegnerischen Gruppierung in kurzer Zeit hohe Verluste zuzufügen, das Kräfteverhältnis wesentlich zu verändern und Voraussetzungen dafür zu schaffen, den Gegner mit entschlossenen Kampfhandlungen zerschlagen.
Bei der Teilnahme am 1. Kernwaffenschlag der Front mit 16 Raketenschlägen wären von ihr konkret folgende gegnerischen Ziele zu vernichten gewesen:
Im 1. Start die Startrampen der Raketenartilleriebataillone 129 und 650 (Anm. d. Verf. – der Bundeswehr), Kernwaffenträger auf Flugplätzen sowie verschiedene Fliegerleit- und Meldezentren.
Beim 2. Start sollten die Kernminenversorgungspunkte und die Gefechtsstände und vorgeschobenen Gefechtsstände des Jütländischen Armeekorps und des I. Armeekorps (Anm. d. Verf. – der Bundeswehr) liquidiert werden. Bei der Teilnahme an der Luftoperation/Luftverteidigungsoperation hätte die 5. Raketenbrigade mit 4 Startrampen SS-23 (Anm. d. Verf. – OTR Oka, Reichweite bis 450 km) Schläge mit Kassettengefechtsköpfen auf Flugabwehr-Raketen-Batterien und auf erstrangige Objekte, so u. a. auf den Gefechtsstand der niederländischen 1. Panzerinfanteriedivision, auf Fliegerleitzentren, Seelandungstruppen und den vorgeschobenen Gefechtsstand des Jütländischen Armeekorps zu führen gehabt. Durch die Raketenabteilungen der Divisionen waren 20 Raketenschläge geplant. Die Raketenabteilungen sollten mit Kassettengefechtsköpfen den vorgeschobenen Gefechtsstand des I. Armeekorps und die Gefechtsstände der Brigaden der 6. Panzergrenadierdivision bekämpfen."

Die im Süden der DDR stationierte 3. Armee der NVA hätte im Ernstfall ähnliche Zielvorgaben erhalten wie die 5. Armee im Norden. Leider habe ich bisher noch kei-ne entsprechende Zielkartei gefunden.

Interessant ist an dieser Stelle vielleicht noch die Gesamtbevorratung der NVA mit OTR und TR im Zeitraum von 1986 bis 1990:

- OTR 8K14 100 Raketen
- OTR OKA 24 Raketen
- TR LUNA-M 240 Raketen
- TR TOTSCHKA 24 Raketen

Quelle: http://www.nva-forum.de/nva-board/uploa ... 876040.jpg (abgerufen am: 03. Nov. 2011 17:26)

4.6 Die operativ-taktische Rakete R-17 / 8K14
Im April 1958 beschloß der Ministerrat der UdSSR die Entwicklung des neuen Raketenkomplexes 8K14 mit der Rakete R-17. Am 24. März 1962 wurde die R-17 in die Bewaffnung der sowjetischen LaSK unter dem GRAU-Index 8K14 eingeführt. Dieser Raketenkomplex bestand aus folgenden Elementen:

- operativ-taktische Rakete R-17 / 8K14 oder R-17M / 8K14-1
- Startrampe 2P19
- technische Mittel

Solange die Rakete R-17 / 8K14 noch auf der Kettenstartrampe 2P19 stationiert war, trug sie ebenfalls den Nato-Code: SS-1B "SCUD A".

Nachfolgend werden etwas ausführlicher einige taktisch-technische Daten der R-17 aufgeführt, weil sie zu den am meisten genutzten und eingesetzten Rakete innerhalb der Warschauer Vertragsorganisation und im Ausland gehörte:

- autonom gelenkte ballistische Rakete großer Reichweite,
- Lenkung erfolgt nur auf aktiven Teil der Flugbahn,
- Orientierung der Rakete in vertikaler Stellung auf dem Starttisch,
- an der Lenkeinrichtung wird die Zeit des Brennschlusses entsprechend der ge-forderten Schussentfernung eingestellt,
- Startgewicht: 5.840 kg
- Masse Rakete mit Gefechtskopf unbetankt: 2 076kg
- Masse Gefechtskopf:
> 989 kg (269A)
> 987 kg (8F44)
- Auftankmasse Treibstoff und Druckluft 3 786 kg
- Länge der Rakete: 11164 mm
- Durchmesser der Rakete: 880 mm
- Spannweite der Rakete: 1800 mm
- Reichweite: max. 300 km
- Höhe der Flugbahn: 24 bis 86 km
- Flugzeit: 165 bis 313 Sekunden
- Lenkeinrichtung: autonom
- Ausführungselemente der Lenkeinrichtung: Gasstrahlruder

Die R-17 konnte mit folgenden Gefechtsköpfen eingesetzt werden:

- Spezialgefechtsköpfe sprich Kernsprengköpfe vom Typ 269A mit einer Sprengkraft von 10 kT TNT;
- Spezialgefechtskopf sprich Kernsprengkopf vom Typ 9N33 mit einer Sprengkraft von 20 bis 500 kT TNT;
- konventionelle Gefechtsköpfe mit Sprengwirkung. Der Gefechtskopf 8F44 (8Ф44) mit einer Masse von 987 kg hatte
einen Vernichtungsradius von 50 m. Bei seiner Detonation entstand ein Trichter mit einer Tiefe von 1,4 bis 4 m und
einem Durchmesser von 12 m.
- chemische Gefechtsköpfe, gefüllt mit verschiedenen Kampfstoffen, einschl. VX

Bemerkung:
Eine Beschreibung der Spezialgefechtsköpfe finden Sie auf der Internetseite des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes des MB-III unter folgender Adresse: http://www.rwd-mb3.de/pages/vgk.htm (abgerufen am: 05. Nov. 2011 10:41)

1964 wurde die weiterentwickelte R-17M / 8K14-1) in die Bewaffnung aufgenommen. Mit dieser Rakete konnten auch chemische Gefechtsköpfe verschoßen werden.

Für die R-17 war eine neue Startrampe (ebenfalls auf der Basis der SFL ISU-152K) unter der Bezeichnung 2P19 / "Objekt 803" (russ. 2П19 / "объект 803") entwickelt und bis 1962 produziert worden. Das Gewicht der mit einer Rakete beladenen Start-rampe 2P19 betrug 42,5 Tonnen.

Bemerkung:
Eine Beschreibung der technischen Ausrüstung der Startrampe 2P9 finden Sie auf der Internetseite des Raketen- und Waffentechnischen Dienstes des MB-III unter folgender Adresse: http://www.rwd-mb3.de/technik_a/pages/2p19.htm (abgerufen am: 05. Nov. 2011 10:41)

1964 wurde während der Gefechtsausbildung erstmalig Raketen vom Typ R-17 während des Marsches aus unvorbereiteten Startstellungen gestartet.
1966 begann die Sowjetunion Raketen 8K14 mit der Startrampe 2P19 an die Länder der Warschauer Vertragsorganisation auszuliefern.
Im Sept. 1966 wurde erstmalig ein Gruppenschlag mit 6 Raketen R-17 durch zwei Raketenabteilungen auf dem Polygon Kapustin Jar durchgeführt.

Quelle der obigen Angaben:
http://military.tomsk.ru/blog/topic-200.html (abgerufen am 03. Nov. 2011 17:44)

Von der Rakete R-17 und R-17M wurde folgenden Stückzahlen produziert: 1965 – 374 Raketen, 1968 – 437 Raketen, 1969 – 426 Raketen, 1970 – 306 Raketen, 1971 – 274 Raketen und im ersten Halbjahr 1972 150 Raketen.

4.7 Der operativ-taktische Raketenkomplex 9K72 mit der Rakete R-17 / 8K14
Im Zusammenhang mit dem am 10. Okt. 1962 gefaßten Regierungsbeschlußes über die Stationierung von operativ-taktischen Raketen ab 1965 wurde auch die Entwicklung einer Radstartrampe beschloßen, die die Bezeichnung 9P119 (9П117) erhielt. Die Basis für diese Startrampe bildete das Fahrgestell des MAZ-543 (МАЗ-543) Antriebsformel 8x8). Von ihr und der modernisierten Version 9P117M wurden hergestellt: 1970 – 41 Startrampen, 1971 – 40 Startrampen und im ersten Halbjahr 1972 – 21 Startrampen. Am 27. Jan. 1967 wurde die Startrampe 9P119 auf Beschluß des sowjetischen Ministerrates Nr. 75-26 in die Bewaffnung aufgenommen.

Da die Raketen R-11, R-11M und R-17 sich äußerlich kaum unterschieden, wurden die auf Ketten-Startrampen 8U218 und 2P119 stationierten Raketen von der NATO mit dem Code "SCUD-1A" bezeichnet, während die auf der Radstartrampe 2P119 stationierten R-17 von der NATO den Code "SCUD-1B" erhielten.

Für die Herstellung der Bereitschaftstufe 1 (BS 1) waren in der NVA entsprechend der Dienstvorschrift 2 Stunden vorgeben. Dabei mußten folgende Tätigkeiten durchgeführt werden:

- Rakete auf 9P117 in vertikaler Lage auf das Ziel gerichtet,
- Kontrollrichten ist durchgeführt,
- pneumatischer Block ist auf 20MPa aufgefüllt,
- System zur Vorstartwartung ist abgestellt,
- Entfernung zum Ziel ist eingegeben,
- Bordgeräte befinden sich unter Spannung

Die zum Starten benötigte Zeit aus der BS 1 betrug 5 Minuten, aus der BS 2 10 Mi-nuten und aus der BS 3 18 Minuten.

Die Arbeitsinhalte für die Bereitschaftsstufen sind auf folgender Internetseite ausführlich aufgeführt: http://www.rwd-mb3.de/pages/8k14.htm

1978 hatte eine sowjetische Raketenbrigade folgende Grobstruktur:

- Führungsbatterie
- Meteorologische Batterie
- 3 selbstständige Raketenabteilungen, jede mit
> Führungsbatterie
> zwei bzw. drei Startbatterien, jede mit zwei Startrampen,
> Raketen-Technischen Zug
- Versorgungszug
- Med-Punkt.

Bemerkung:
Die OTR-RBr der Armeen hatten in den Raketenabteilungen jeweils zwei Startbatterien, die RBr der Front (sprich GSSD) jeweils drei Startbatterien. Die der GSSD direkt unterstellten RBr verfügten also über 18 Startrampen 9P119 (MAZ-543) und die den fünf Armeen der GSSD unterstellten RBr über 12 Startrampen gleichen Typs.

Im August 1969 wurde im Verlaufe einer Übung ein Gruppenschlag durch zwei Startbatterien der 20. RBr auf ein bewegliches Seeziel durchgeführt.
Im Mai 1975 führte die 20. RBr erstmalig in der Geschichte der sowjetischen Streit-kräfte einen Versuchsstart von einem Eisenbahnwaggon durch.
1976 wurde die Umrüstung der mit der Startrampe 2P19 ausgerüsteten RBr auf Startrampen 9P117 abgeschlossen.
Von 1979 bis 1989 wurden im Verlaufe des Krieges in Afghanistan durch die 47. selbst. RA der mit dem Raketenkomplex 9K72 ausgerüsteten 111. RBr mehr als 1.000 Gefechtsstarts durchgeführt. Alle Gefechtsstarts sollen bis auf einen erfolg-reich verlaufen sein.

Quelle der obigen Angaben:
http://military.tomsk.ru/blog/topic-200.html (abgerufen am 03. Nov. 2011 17:44)

Nach gesicherten Angaben befanden sich 1977 auf dem Territorium der DDR folgende mit dem Raketenkomplex 9K72 (Rakete R-17 / 8K14 und Startrampe 9P119), Nato-Code: SS-1C "SCUD 1B", ausgerüstete Raketenbrigaden:

a) Raketenbrigaden der Front (sprich GSSD) mit jeweils 18 Startrampen:

> 23. RBr, stationiert in Königsbrück. Diese Brigade war am 15. Mai 1963 im Astrachaner Gebiet formiert worden. Am
07. Mai 1964 wurde sie in die DDR nach Königsbrück verlegt. 1969 erfolgte die Umrüstung der 23. RBr von der
Kettenstartrampe auf die Radstartrampe 9P117. 1971 und 1977 erhielt sie jeweils einen neuen STAN.
Vom 23. Juni bis 17. Juli 1981 wurde sie zurück in die UdSSR verlegt. In Königsbrück war der Brigadestab und die
273. selbst. RA, in Bischofswerda die ???. selbst. RA und in Meißen die 106. selbst. RA stationiert.
> 164. RBr, stationiert in Drachhausen
> 175. RBr, stationiert in Oschatz

> Bemerkung:
Die Stationierung der der GSSD direkt unterstellten 23. RBr in Königsbrück, Bischofswerda und Meißen war ebenfalls
in dieser Art bisher nicht bekannt.

Die Zeiträume der Stationierung der 164. und 175. RBr in Drachhausen und Oschatz sind ebenfalls bisher nicht
bekannt. Die einigen Publikationen genannte Jahreszahl 1958 ist zu bezweifeln.

b) Raketenbrigaden der Armeen die GSSD mit jeweils 12 Startrampen:

> 181. RBr der 1. Garde-Panzerarmee, stationiert mit der Stab und zwei RA in Kochstedt und einer RA in Lutherstadt-
Wittenberg;
> 112. RBr der 2. Garde-Panzerarmee, stationiert in Gentzrode/Neuruppin mit zwei RA und einer RA in Schwerin;
> 36. RBr der 3. Armee, stationiert in Altengrabow;
> 11. RBr der 8. Garde-Armee, stationiert in Weißenfels mit Stab und einer RA in Jena-Forst mit zwei RA;
> 27. RBr der 20. Garde-Armee, stationiert im Neuen Lager in Jüterbog

Bei dieser Aufstellung ist zu berücksichtigen, daß zu den Raketenbrigaden jeweils mindestens eine Bewegliche Reparatur-Technische Basis mit einem oder mehreren Lagern für Spezialgefechtsköpfen gehörte, die in einer nicht allzu großen Entfernung zu der jeweiligen RBr stationiert war. Als Beispiel dafür möge die BRTB der 11. RBr der 8. Garde-Armee dienen, die in Altenhain bei Brandis stationiert war. Diese BRTB war auch für die Sicherstellung der zu diesem Zeitpunkt noch in den Panzer- und Mot.-Schützen-divisionen der 8. Garde-Armee vorhandenen selbständigen Raketenabteilungen mit Gefechtsköpfen aller Art verantwortlich, sowie für die Sicherstellung der Armeeartillerie mit Kerngranaten. Ob diese BRTB auch Kernminen im Bestand hatte ist nicht bekannt.

4.8 Die Beweglichen Reparatur-Technischen Basen der sowjetischen LaSK

In den sowjetischen Publikationen wird überwiegend der Begriff "Bewegliche Reparatur-Technische Basis" gebraucht, in ehemaligen NVA sprach man von "Bewegliche Raketentechnische Basis".

In der ehemaligen UdSSR wurde in den sowjetischen LaSK zwischen Beweglichen Reparatur-Technischen Basen (BRTB) der Gruppen bzw. Militärbezirke (Fronten) und der Armeen der LaSK unterschieden.

Die BRTB der Gruppen bzw. Militärbezirke waren verantwortlich für die Sicherstellung mit Kernsprengköpfen für den ersten und die darauffolgenden Starts der Raketenbrigaden der Gruppen bzw. Militärbezirke, die mit den Raketenkomplexen 8К11, 9К72 "Эльбрус", 9К76 "Темп-С", 9К714 "Ока" und Flügelraketen vom Typ "С-5" Den Gruppen bzw. Militärbezirken konnten mehrere BRTB unterstellt werden.

Die BRTB der Armeen waren verantwortlich für die Sicherstellung mit Kernsprengköpfen und Kerngranaten folgender Verbände und Truppenteile:

- der den Armeen unterstellten Raketenbrigaden, die mit operativ-taktischen Raketen ausgerüstet waren;
- der den Panzer- und Mot.-Schützen-Divisionen unterstellten selbstständigen Raketenabteilungen die mit taktischen
Raketen ausgerüstet waren;
- der später den Armeen unterstellten Raketenbrigaden, die mit taktischen Rake-ten "Totschka" ausgerüstet waren;
- der Artilleriebrigaden großer Feuerkraft, die mit 152-mm- und 203-mm-Systemen sowie mit 240-mm-Granatwerfern
mit Kerngranaten ausgerüstet waren.

Es wurde auch unterschieden zwischen spezialisierten und gemischten BRTB. Die spezialisierten BRTB stellten die Kernsprengköpfe für nur eine Brigade sicher, während die gemischten BRTB Kernsprengköpfe für verschiedene Kernwaffeneinsatzmittel sicherstellten, z. B. für operativ-taktische Raketen, für taktische Raketen und für Artilleriegranaten und Granaten für Granatwerfer.

Zu den gemischten BRTB in den Gruppen, wie z. B. der GSSD, gehörten auch BRTB, die Truppenteile der Luftstreitkräfte mit Kernbomben sicherstellten. Diese verfügten über eine extra dafür bestimmte Einheit.

Die auf dem Territorium der DDR stationierten BRTB wurden aus Tarnungsgründen der Artillerie zugeordnet und erhielten entsprechende Bezeichnungen.

Nachfolgend eine unvollständige und noch nicht allseitig überprüfte Aufstellung der in der DDR stationierten BRTB der sowjetischen LaSK:

- die 4539. BRTB war gemeinsam mit der 23. RBr von 1962 bis 1981 in Königs-brück stationiert. Die 23. RBr war
anfänglich mit Raketen vom Typ R-11 und später mit Raketen vom Typ R-17 ausgerüstet. Auf dem Territorium der
4539. BRTB wurde 1984 die 2454. BRTB stationiert.

- die 2454. BRTB (в/ч пп 82431) war gemeinsam mit der 119. RBr ab 1984 in Königsbrück stationiert war. Die 119. RBr
war mit dem Raketenkomplex 9K76 "Temp S", NATO-Code: SS-12 "SCALEBOARD mod 1", ausgerüstet. Eine
Sicherstellungsgruppe der 2454. BRTB befand sich bei der in Bischofswerda stationierten 1.150 selbst. RA, die zur
119. RBr gehörte.

- die ????. BRTB (в/ч 74165) war von 1960 bis 1966 in Vogelsang / Neuthymen (6 km nordöstl. Fürstenberg / Havel)
stationiert. In diesem Stationierungsort wurde 1983 von der 11. Garde-Armee aus dem Baltischen Militärbezirk die
????. BRTB (в/ч пп 80512) verlegt. Sie hatte die Aufgabe, die ebenfalls mit dem Raketenkomplex 9K76 "Temp S"
ausgerüstete 152. RBr sicherzustellen, von der sich die 806. selbst. RA in Wokuhl-Dabelow (15 km nordöstl. von
Fürstenberg / Havel) befand. 1988 wurde sie genau wie die 152. RBR in die Sowjetunion zurückverlegt.

- die ????. BRTB (в/ч пп 73259), die ab 1967/68 in dem von der DDR in Lychen-2 / Himmelpfort (westl. von
Fürstenberg / Havel) erbaute und an die UdSSR übergebene Kernwaffenlager (Spezialbau »4001«) stationiert war. In
diesem Lager waren in sowjetischer Verantwortlichkeit die für die Sicherstellung der 5. Armee (NVA) vorgesehenen
Kernsprengköpfe eingelagert.

- die ????. BRTB (в/ч пп 73274), die ab Ende der 1967/68 im Alten Lager Stolzenhain (Spezialbau »5001«) stationiert
war. In diesem Lager waren in sowjetischer Verantwortlichkeit die für die Sicherstellung der 3. Armee (NVA)
vorgesehenen Kernsprengköpfe eingelagert.

- die 45. BRTB (в/ч пп 11649), die in von 1962 bis 1991 Torgau stationiert war. Nach Mitteilung eines ehemaligen
Angehörigen der sowjetischen Armee könnte diese der GSSD direkt unterstellte BRTB, die 175. RBr sichergestellt
haben. Diese RBr war zuletzt mit dem OTR-System 9K72, Nato-Code: SS-1C/D/E "SCUD –B/C/D auf Startrampe 9P117
(MAZ-543) ausgerüstet. Er teilt mit, dass aus Geheimhaltungsgründen sogar auf der Truppenfahne die Bezeichnung
des Truppenteils fehlte. (http://gsvg.ru/page_62-1g.htm (abgerufen am: 10. Nov. 2011)

- die ????. BRTB (в/ч пп 57845), die bis 1988 in Röderau bei Riesa stationiert. Diese BRTB war ebenfalls direkt der
GSSD unterstellt. Ihr Verwendungszweck ist mir bisher nicht bekannt.

- die ????. BRTB (в/ч пп 47982), die in Hohenleipisch Elsterwerda stationiert war. Ihr Verwendungszweck ist mir bisher
nicht bekannt

- die 52. BRTB (в/ч пп 92846) war in Kapen / Dessau stationiert. Diese BRTB war für die Sicherstellung der mit
operativ-taktischen Raketen ausgerüsteten 181. RBr (Kochstedt) der 1. Garde-Panzerarmee vorgesehen.

- die ????. BRTB (в/ч пп 38690) war in Wurzen stationiert. Sie war für die Sicherstellung der ab 1988 formierten und
mit taktischen Raketen ausgerüsteten 464. RBr (Wurzen) der 1. Garde-Panzerarmee vorgesehen.

- die ????. BRTB (в/ч пп 73654) war in Wokuhl stationiert. Sie war für die Sicherstellung der 2. Gardepanzerarmee
vorgesehen.

- die 3397. BRTB (в/ч пп 57842) war in Dannenwalde / Fürstenberg stationiert. Sie war ebenfalls für die Sicherstellung
der 2. Gardepanzerarmee vorgesehen.

- die ????. BRTB, die Altengrabow stationiert war. Sie war für die Sicherstellung der mit operativ-taktischen Raketen
ausgerüsteten 36. RBr (Altengrabow) und ab 1988 auch für die mit taktischen Raketen ausgerüstete 448. RBr (Born /
Letzlinger Heide) vorgesehen. Beide RBr gehörten zur 3. Stoßarmee.

- die 2289. BRTB (в/ч пп 11817) war Altenhain bei Brandis stationiert. Sie war für die Sicherstellung der mit operativ-
taktischen Raketen ausgerüsteten und in Weißenfels und Jena-Forst stationierten 11. RBr vorgesehen.

- die 85. BRTB (в/ч пп 38673) war in Heide / Halle stationiert. Sie war für die mit taktischen Raketen ausgerüsteten
selbstständigen Raketenabteilungen der 8. Garde-Armee vorgesehen, die in Wörmlitz / Halle stationiert waren.
Ein ehemaliger Angehöriger der GSSD teilte über die ????. BRTB (в\ч 38673) folgendes mit: Die BRTB в\ч 38673
(РВиА) zählte zur Waffengattung Raketentruppen und Artillerie . Offensichtlich stellte sie die selbständigen
Raketenabteilungen sicher. Sie war geheim. Sie gehörte nicht zum Bestand der Division. Sie war der 8. Garde-Armee
unterstellt. (http://wap.halle55.borda.ru/?1-11-0-000 ... 00-10001-0 (abgerufen am: 10. Nov. 2011 17:31)

- die 1694. BRTB (в/ч пп ?????), die in Bad Freienwalde stationiert war. Diese BRTB war für die zur 20. Garde-
Panzerarmee und mit operativ-taktischen Raketen ausgerüsteten 27. RBr (Neues Lager in Jüterbog) verantwortlich.

- die ????. BRTB в/ч пп 78559 war in "Лямичи" Fürstenwalde stationiert. Diese BRTB war für Sicherstellung der zur 20.
Garde-Armee gehörenden und ab 1988 formierten 464. RBr (Fürstenwalde) verantwortlich.

Offen sind in diesem Zusammenhang zwei Fragen und eine Bemerkung:

1. Welche BRTB stellte die in Weimar stationierte selbstständige RA der 79. Panzerdivision sicher?
2. Welche BRTB die mit taktischen Raketen vom Typ 9K79 "Totschka" (SS-21 "SCARAB" ausgerüstete und ab 1988 in
Arnstadt stationierte 479. RBr sicher?
3. Offensichtlich wurden nach dem Abzug der Frontflügelraketen Ende der 1960er Jahre aus Rudisleben bis wahrscheinlich
zur Formierung der 449. RBr in Rudisleben 1988 keine Kernsprengköpfe gelagert. Die Lagerung von Kernsprengköpfen in
Rudisleben nach 1988 bleibt spekulativ.

Wer andere Informationen hat, den bitte ich darum, diese mir mitzuteilen, um diese Lücke zu füllen.

Eins zeigt diese Aufstellung auf jedem Fall, diese BRTB waren mit die getarntesten und geheimsten Truppenteile der sowjetischen Streitkräfte auf dem Territorium der DDR.

Nachfolgend einige Reparatur-Technische Basen der in der DDR stationierten sowjetischen Luftstreitkräfte:

- ????. RTB in Altenburg
- 1092. RTB in Brand
- 41. RTB in Werneuchen
- ????. RTB in Großenhain
- ????. RTB in Karl-Marx-Stadt
- 634. RTB in Lärz (liegt südlich der Müritz – in der Mecklenburgischen Seenplatte – zwischen dem Müritzhafen Rechlin
und der Kleinstadt Mirow)
- ????. RTB in Ludwigslust
- 2952. RTB in Finsterwalde und
- ????. RTB in Templin – Groß Dölln.

Als Beispiel für BRTB sei hier die 3653. Bewegliche Reparatur-Technische Basis der sowjetischen LaSK aufgeführt.

Die nachfolgenden Ausführungen geben einen Einblick in die Gliederung und Aufgaben einer BRTB und deren Bedeutung für die in der DDR stationierten Raketenbrigaden.

Die allseitige Sicherstellung der 223. RBr, einschl. der Sicherstellung mit Kernsprengköpfen, erfolgte durch die 3653. BRTB (3653-я ПРТБ). Zu den wichtigsten Aufgaben dieser BRTB gehörten:

- die Aufbewahrung, Wartung und technische Vorbereitung von Trägern, Raketen und Gefechtsköpfen aller Art für die
operativ-taktischen und taktischen Raketenkomplexe;
- die Aufbewahrung, Wartung und technische Vorbereitung von Artilleriemunition und Minen mit Kernladung;
- die Übernahme, der Transport und die Zuführung von Trägern, Raketen, Ge-fechtsköpfen, Artilleriemunition und
Minen mit Kernladung in die Verbände und Truppenteile der jeweiligen Armee. In Spannungsperioden hatte die
Zuführung gedeckt bzw. getarnt zu erfolgen.

Als die 3653. BRTB der in der Sowjetunion stationierten 28. Allgemeinen Armee unterstand, gehörten zu ihr folgenden Einheiten:

- Montagebrigade für TR-Komplexe (сборочная бригада боевых частей тактических ракетных комплексов (ТРК));
- Montagebrigade für OTR-Komplexe (сборочная бригада боевых частей оперативно-тактических ракетных комплексов
(ОТРК));
- Montagebrigade für Granaten und Minen (сборочная бригада "снаряды-мины");
- Technische Batterie für TR-Komplexe (техническая батарея ТРК);
- Technische Batterie für OTR-Komplexe (техническая батарея ОТРК);
- Führungs- und Nachrichtenbatterie (батарея управления и связи);
- vereinigte Instandsetzungseinheit (объединённая ремонтная мастерская);
- Wirtschaftszug (хозяйственный взвод)
- 370. selbst. Mot.-Schützenkompanie (370 омср);
- Wachhundegruppe (отделение вожатых караульных собак);
- Gruppe technischer Mittel zur Bewachung und Signalisation (отделение техсредств охраны и сигнализации);
- kadrierte Kompanie zur Begleitung der Spezialtransporte (скадрированная рота сопровождения спецтранспорта)
- Zug Pioniermaschinen (взвод инженерных машин) und
- Med.-Punkt (медицинский пункт ).

Auf der von mir angegebenen Internetseite http://scucin-avia.narod.ru/dalnij/prtb ... b_hran.htm finden sie u.a. interessante Bilder zum KSK-Lager der 3652. BRTB in Belorußland, daß der Zugang zu einem solchen Lager aus ein System mit fünf Toren bestand, wußte ich bisher auch noch nicht.

Diese oben genannten Aufgaben lassen den Schluß zu, daß die zu einer sowjetischen Armee gehörende(n) BRTB für die Zuführung von Raketen, Gefechtsköpfen aller Art und Artilleriemunition mit Kernladung sowie Kernminen zu den in der Armee vorhandenen Kernwaffeneinsatzmitteln verantwortlich war.

Zusammenfassung des ersten Teils:

- Nach bisherigen Erkenntnissen war die zur 8. Gardearmee gehörende 11. RBr an zwei Standorten stationiert: in
Weißenfels und Jena-Forst. Bis 1984 war diese RBr mit dem OTR-Komplex 9K72, bestehend aus der Rakete R-17 und der
Startrampe 9P119, NATO-Code: SS-1c "SCUD B", ausgerüstet. Ab 1984 wurde die Brigade auf dem OTR-Komplex 9K714
"Oka" (SS-23 "SPIDER") umgerüstet. Ab 1988 nach Abgabe der SS-23 erhielt sie wieder den Komplex 9K72. Die 11. RBr
spielte ab dem Zeitpunkt der Umrüstung auf "Oka" eine Sonderrolle auf die ich im Teil 2 eingehen werde.

- Die für die Sicherstellung der 11. RBr mit Kernsprengköpfen verantwortliche BRTB war nach bisherigen Erkenntnissen in
Altenhain bei Brandis stationiert. Ihre Nummer ist bis heute nicht bekannt. Daraus folgt, daß unmittelbar im Raum Jena
keine Kernsprengköpfe für diese RBr vorhanden waren. Eine Lagerung von Kernsprengköpfen in Jena-Isserstedt kann
nach der Umrüstung auf "Oka" möglich gewesen sein.

- Es ist bis zum heutigen Zeitpunkt nicht bekannt, welche BRTB für die Sicherstellung der Artilleriebrigaden großer
Feuerkraft im südlichen Raum der DDR mit Kerngranaten verantwortlich war(en). Zu solchen Brigaden gehörte z.B. die
288. schwere Haubitzartilleriebrigade mit Stab im ehemaligen Karl-Marx-Stadt. Aber auch die in Ohrdruf stationierte
390. Artilleriebrigade verfügte über kernwaffenfähige Artilleriesysteme mit dem Kaliber 152-mm.

- Die in Jena stationierte BRTB-3 der NVA verfügte über keine Kernsprengköpfe. Die für die 3. RBr des MB-III und die für
die selbstständigen Raketenabteilungen der Panzer- und Mot.-Schützendivisionen des MB-III vorgesehenen
Kernsprengköpfe wurden in der Verantwortlichkeit der sowjetischen Streitkräfte im "Spezialbau »5001«" bei Stolzenhain
gelagert.

- Auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf war zu keinem Zeitpunkt auch nur eine sowjetische Raketenbrigade stationiert. Es
besteht aber die Möglichkeit, daß OTR-Komplexe zu Ausbildungs- und Übungszwecken dorthin verlegt worden sind und
damit auch in der Nähe ent- und verladen worden sein können.

- Über das Vorhandensein von vorbereiteten Startstellungen für die Raketen R-17 / 8K14 und R-17M / 8K14-1 auf dem
Truppenübungsplatz Ohrdruf ist bisher nichts bekannt. Obwohl der Truppenübungsplatz Ohrdruf sich auf Grund seiner
Nähe zur damaligen Grenze durchaus dafür geeignet hätte. Vom Tr.Üb.Pl. Ohrdruf aus hätte z. B. ein Teil der Pershing-2
Standorte, wie z. B. Heilbronn, oder auch ein Teil der Stationierungsorte der unbemannten Flugkörper "Matador" und
dessen Nachfolger "Mace" erreicht werden können.

Panzermann
Zuletzt geändert von Panzermann am Samstag 1. Februar 2014, 13:57, insgesamt 2-mal geändert.
Grund: fachliche Korrektur am 01.02.2014
Nur wer die Geschichte kennt, der versteht auch die Gegenwart. Die Geschichte ist keine Schiefertafel auf der man beliebig etwas hinzuschreiben oder wegradieren kann.
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Re: Sowjetische Raketenbrigaden in der DDR - Teil 1

Beitragvon kallepirna » Donnerstag 10. November 2011, 23:32

Hallo Panzermann!
Vieleicht liege ich falsch oder verwechsele was aber so wie ich weiß, waren die ersten Raketen und Kernsprengköpfe in Vogelsang bzw.Fürstenberg Neu Thymen stationiert. Hier ein Link zum nachlesen. http://www.ddr-im-www.de/index.php?itemid=460 Mfg.kallepirna
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Re: Sowjetische Raketenbrigaden in der DDR - Teil 1

Beitragvon Panzermann » Freitag 11. November 2011, 08:31

Hallo kallepirna,

ich war genauso erstaunt wie Du, als ich auf die Hinweise stieß, daß bereits im Verlaufe des Jahres 1958 eine sowjetische Raketenbrigade in die DDR verlegt worden war. Es gibt jedoch zumindestens zwei glaubwürdige Quellen, die übereinstimmend aussagen, daß die 233. Raketenbrigade im Zeitraum vom 06. Sept. bis 06. Okt. 1958 in die DDR verlegt worden war.

Erste Quelle:
http://military.tomsk.ru/blog/topic-176.html (abgerufen am: 11. Nov. 2011 08:40)


Laut dieser Quelle wurde entsprechend einer Direktive des Generalstabes der sowjetischen Armee Nr. 3/464128 die anfänglich noch als 233. Ingenieurbrigade der Reserve des Oberkommandierenden bezeichnete 233. RBr auf Raketenkomplexe mit der Rakete R-11 (8A61), später R-11M (8K11) umgerüstet. Diese RBr war laut dieser Quelle die erste mit R-11 ausgerüstete Linieneinheit.

Bereits 1955 wurde unter Brigadekommandeur der 233. Ingenieurbrigade die erste Komplexausbildung mit der neuen Technik durchgeführt.

Am 27. Juni 1956 führte die Brigade auf dem Polygon Kapustin Jar ihren ersten Raketenstart mit der R-11 durch.

Am 07. Nov. 1957 wurde die Rakete R-11M erstmals zur Parade auf dem Roten Platz gezeigt.

Am 07. Mai 1958 wurde die Entscheidung zur Verlegung der 233. RBr in die DDR (Kochstedt) beschlossen und sie dem Oberkommandierenden der GSSD zu unterstellen.

Die Verlegung erfolgte vom 06. Sept. bis 06. Okt. 1958. Die Brigade verblieb bis 1966 in der GSSD.

Bemerkung:

1. Ob die 233. RBr vor ihrer Verlegung bereits auf Startrampen vom Typ 8U218 umgerüstet worden war, konnte ich bisher
ermitteln. Wahrscheinlich wurde die R-11 anfänglich noch von dem Starttisch 8U22 (8У22) gestartet, d. h., es war noch
keine Ketten-Startrampe vorhanden. Der Starttisch wurde von einem Kfz in die Startstellung transportiert und dort
abgesetzt. Danach wurde die Rakete auf einem Sattelauflieger SIS-151 (ЗИС-151) in die Startstellung transportiert und
mit einer Aufrichtvorrichtung (8У227 – установщик), die auf einem Artillerieschlepper vom Typ AT-T basiert war,
aufgerichtet. Ein Schema des Komplexes R-11 ist im Internet auf der Seite
http://military.tomsk.ru/blog/topic-176.html (abgerufen am: 02. Nov. 2011 16:13) zu finden. Die Startrampen vom Typ
8U218 auf Kettenbasis sollen erst ab 1959 mit einer Stückzahl von 56 produziert worden sein.

2. Es könnte sein, daß die 233. RBr bereits mit der moderneren R-11 M ausgerüstet war, da diese bereits am 01. April
1958 in die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen worden war.

3. Die R-11M konnte neben einem konventionellen 1.000kg- Gefechtskopf auch mit einem Kernsprengkopf vom Typ РДС-4
(БЧ 3Н10) mit einer Sprengkraft von ca. 10 kT TNT bestückt werden. Der Kernsprengkopf БЧ 3Н10 war im April 1958 in
die Bewaffnung der sowjetischen Streitkräfte aufgenommen worden. Hinweise darauf, ob die 233. RBr bei ihrem
Eintreffen bereits über Kernsprengköpfe verfügte oder ob sie diese erst später erhielt, gibt es bisher nicht.

Zweite Quelle:
http://scucin-avia.narod.ru/dalnij/prtb ... 233rbr.htm (abgerufen am: 31. Okt. 2011 16:34)

Auf dieser Internetseite sind folgende Informationen enthalten:

"дислокация:
г. Клинцы, Брянская обл, МВО (1946-1958)
г. Кохштедт, ГСВГ (1958-1966)
н.п. Слобудка, Пружанский р-н, БВО (1966-1989)
н.п. Заслоново, Лепельский р-н, БВО/РБ (1989-1994)"

Als Standort der 233. RBr wird von 1958 bis 1966 Kochstedt in der DDR angegeben.

"подчинение:
9 артиллерийский корпус прорыва РВК (1946-1954) Воронежский военный округ
зам. министра обороны по реактивным частям и спецвооружению командуюющий артиллерией Советской Армии
командующий артиллерией ГСВГ(1958-1964)
1 танковая армия ГСВГ (1964-1966)
28 общевойсковая армия БВО (1966-1989)
7 танковая армия БВО (1989-1993)
7 армейский армия РБ (1993)
65 армейский корпус РБ (1993-1994)"

Als Unterstellung wird angegeben:

von 1958 bis 1964 der Befehlshaber der Artillerie der GSSD
von 1964 bis 1966 die 1. Garde-Panzerarmee.

Zusammenfassung:

Ich betrachte diese beiden Quellen als glaubwürdig.

Über die Gründe, warum die Anwesenheit dieser Raketenbrigade bisher nicht so bekannt ist, kann man nur spekulieren. Vielleicht war es die geringe Reichweite der Raketen im Vergleich zu den Raketen in Fürstenberg. Vielleicht war es auch die Raketenklasse, die in Fürstenberg zählen mit einer Reichweite von fast 1.000 Kilometer zu den Mittelstreckenraketen, während die Raketen der 233. RBr "nur" operativ-taktische Raketen waren. Also den genauen Grund kann ich nicht sagen.

Mit der 233. RBr verhält es sich aber genauso wie mit den in Arnstadt-Rudisleben stationierten unbemannten Frontflügelraketen. Man hat sie bisher einfach nicht beachtet.

Ich hoffe, ich konnte Deine Frage beantworten.
[wer.der.]
MfG

Panzermann
Nur wer die Geschichte kennt, der versteht auch die Gegenwart. Die Geschichte ist keine Schiefertafel auf der man beliebig etwas hinzuschreiben oder wegradieren kann.
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Re: Sowjetische Raketenbrigaden in der DDR - Teil 1

Beitragvon kallepirna » Freitag 11. November 2011, 09:43

Danke Panzermann für deine umfangreiche Erklärung,die Raketen in Vogelsang/Fürstenberg wären von Starttischen gestartet worden einige vorbereitete Startstellungen (Halterung in Beton eingegossen) sollen wohl noch vorhanden sein.
Habe mit der Einteilung der Raketen so meine Probleme aber macht nichts ne Wolchow erkenne ich noch. Wünsche noch ein schönes Wochenende und mach weiter so. Mfg.kallepirna
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Re: Sowjetische Raketenbrigaden in der DDR - Teil 1

Beitragvon Edgar » Freitag 11. November 2011, 21:03

Hallo Panzermann,

an dieser Stelle erst einmal meinen Dank für die überaus umfangreiche und detaillierte Nachweisführung zur Thematik "SS 20 auf dem Gebiet der DDR". Du hast mir und einigen weiteren Usern dieses Forums (wie auch einiger Nachbarforen) einen großen Dienst erwiesen.

Unsere bisherigen Begründungen für deren Nichteinsatz (die sich auf Disloziierung und technische Parameter stützten) wurden mit Hinweis auf Zeitzeugen, Fahrzeuggröße, Krangegengewichte usw. abgeschmettert. Darunter ein bekannter sog. Historiker und Schriftsteller aus Erfurt, der als Begründung Abmaße von Hallen und die Aussage eines Generals der GSSD im Gebiet der Muna Crawinkel anführte. Auch detaillierte Ausführungen im "NVA-Forum" etc. wurden ins lächerliche gezogen.

Noch einmal Danke

Gruß vom Edgar
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