Die erste Raketenbrigade der 8. Gardearmee

Moderator: Panzermann

Die erste Raketenbrigade der 8. Gardearmee

Beitragvon Panzermann » Sonntag 18. März 2012, 15:19

Als ich am 30. Okt. vorigen Jahres meinen ersten Beitrag zum Thema "Sowjetische Boden-Boden-Raketen in DDR" ins Forum gestellt habe, hätte ich nicht gedacht, daß die Beschäftigung mit diesem Thema solche Ausmaße annimmt. Einerseits ist dieses Thema ungeheuer interessant, andererseits hält es mich aber von der Bearbeitung meiner drei Haupthemen (Vormarsch der Dritten US-Armee, Sowjetische Panzertruppen von 1945 bis 1989 und die Deutsche Panzertruppe bis 1945) ab. Ich hätte auch nicht gedacht, daß ein Laie auf diesem Gebiet zu Erkenntnissen kommen kann, auf die etablierte Militärhistoriker bisher nicht gestoßen sind, so z. B. die Stationierung von sowjetischen Raketen auf dem Territorium der DDR im Sept. 1958, also noch vor der Stationierung von Mittelstreckenraketen im Jan. 1959.

Ein User unseres Forums hatte mir empfohlen z. B. den SS-20-Beitrag im Forum hidden-places zu veröffentlichen. Ich war vom Interesse und Feedback in diesem Forum völlig überrascht. Auf den Beitrag "SS-20 auf dem Territorium der DDR?", den ich am 10.03.2012 dort veröffentlich habe, gab es bis heute (18.03.2012) 787 Zugriffe und auf dem Beitrag "Die 233. Raketenbrigade der sowjetischen Streitkräfte" vom 15.03.2012, gab es bereits 355 Zugriffe. Neben den beiden genannten Beiträgen habe ich dort noch eine Reihe weiterer Beiträge ins Forum gestellt. Logisch ist, daß unser Forum sich vorrangig mit Themen aus unserer Heimat beschäftig. Aber der Blick über den Tellerrand hinaus führt zu Erkenntnissen, die auch interessant, ja wichtig für unser Gebiet sind. Nach meinem kurzen Ausflug in das Forum hidden-places wende ich mich jetzt wieder verstärkt meinem "Heimatforum" zu und werde zunächst erst einmal folgende Themen bearbeiten:

- Die erste Raketenbrigade der 8. Gardearmee in Thüringen
- Grundlegende Überarbeitung des Beitrages "Grobstruktur und Stationierungsorte der 8. Gardearmee"
- Überarbeitung und Vervollständigung der Raketenbeiträge.

Erst danach beginne ich mit den Panzertruppen und den Vormarsch der Dritten US-Armee. Dies wird wohl erst ab Herbst, wenn nicht sogar erst nächstes Jahrwerden.

Nun zum Beitrag "Die erste Raketenbrigade der 8. Gardearmee"

In meinem Beitrag hier im Forum "Kap. 4: Sowjetische Raketenbrigaden in der DDR - Teil 1" am 30. Nov. 2011 unter dem Punkt 4.4 "Erste Stationierung von OTR-Raketen des Typs R-11 in der DDR" hatte ich geschrieben:

"Im Mai 1955 erhielt die 223. Ingenieurbrigade auf der Grundlage der Direktive des Generalstabes der sowjetischen Armee Nr. 3/464128 drei selbst. Raketenabteilungen mit Verleihung der Abteilungsnummern und der Truppenfahnen. Auf der Grundlage der Direktive des Befehlshabers der Truppen des Woronescher Militärbezirkes Nr. 6/1/00659 vom 07. Mai 1958 wurde diese RBr in die DDR verlegt und dem Oberkommandierenden der GSSD unterstellt. Der Stationierungsort soll von 1958 bis 1966 Kochstedt/Dessau gewesen sein. Die Verlegung in diesen Standort erfolgte vom 06. Sept. bis 6. Okt. 1958 per Eisenbahntransport unter Berücksichtigung der operativen Tarnung, was dies auch immer bedeutet haben mag. Zur Erstausrüstung der 233. RBr gehörten wahrscheinlich bereits Raketen vom Typ R-11M. Die 223. Ingenieurbrigade war damit offensichtlich der erste mit Raketen R-11, Nato-Code: SS-1B "SCUD A", ausgerüstete Verband auf dem Territorium der DDR, was so bisher nicht bekannt war."

Bemerkung:
Die Bezeichnung Nato-Code: SS-1B "SCUD A" ist nur teilweise richtig. Nur der Teil "SCUD A" wird als Nato-Code bezeichnet, der Teil "SS-1B" ist der sogenannte WSSIC-Code. Das Weapon and Space Systems Intelligence Committee (WSSIC) ist eine Organisation, die dem militärischen Geheimdienst DIA zuarbeitet.

Zu dem Thema der ersten Raketenstationierung auf dem Territorium der DDR bin ich im Internet auf ein 77-seitiges Dokument gestoßen, das ich teilweise sinngemäß übersetzt und als Beitrag in das Forum hidden-places gestellt habe, hier einige Auszüge davon.

Einige aus diesem Dokument übersetzte Informationen:
Die erfolgreiche Durchführung der Erprobung und die Einführung in die Bewaffnung der ersten eigenen Rakete R-1 sowie die beginnende Serienproduktion erforderten in der Sowjetunion die Aufstellung neuer Raketenformationen. In Übereinstimmung mit der Direktive des Generalstabes der Streitkräfte begann im Dez. 1950 die Formierung der 23. Brigade Bes. Best. der Res. d. ObKdo (23 БрОН РВГК). … Diese 22. und 23. Brigade begannen 1952 mit der Ausbildung an der Rakete R-2.

Im Verlaufe der Jahre 1952 … 1953 wurden auf dem Polygon Kapustin Jar weitere vier Brigaden formiert und sofort mit der Rakete R-2 ausgerüstet.

Im Juni 1952 wurden formiert:

- die 54. Brigade der Bes. Best. der Res. d. ObKdo (54 БрОН РВГК) und
- die 56. Brigade der Bes. Best. der Res. d. ObKdo (56 БрОН РВГК).

Im März 1953 wurden formiert:

- die 77. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo und
- die 80. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo.

Nach der Formierung und Ausbildung auf dem Polygon in Kapustin Jar wurden die 77. und 80. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo in ihren ständigen Stationierungsort in das Gebiet Schitomir (Station Belokorowitschi), in den Karpaten-Militärbezirk verlegt.

Im März 1953 wurden die Brigaden der Bes. Best. der Res. d. ObKdo in Ingenieursbrigaden der Res. d. ObKdo (инж. бр. РВГК) umbenannt und gleichzeitig neu durchnummeriert:

- die 22. Brigade wurde zur 72. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo,
- die 23. Brigade wurde zur 73. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo,
- die 54. Brigade wurde zur 85. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo und
- die 56. Brigade wurde zur 90. Ingenieursbrigade der Res. d. ObKdo.

Die 233. Raketenbrigade - "Mutter" der Raketentruppen der Landstreitkräfte
Auf der Grundlage der Direktive des Generalstabes der Streitkräfte wurden die 233., 77. und 80. RBr mit den Raketenkomplexen R-11 operativ-taktischer Zweckbestimmung aus der Unterstellung unter des Befehlshabers der Artillerie, Marschall der Artillerie M. I. Nedelin, herausgelöst und in den Bestand der Landstreitkräfte übergeben.

Die 233. RBr wurde im Sept. 1958 mittels Eisenbahntransport zur GSSD nach Deutschland verlegt. …
Die in Aufstellung befindlichen Raketenbrigaden der Fronten und Armeen wurden mit Raketenkomplexen R-11 ausgerüstet. Ab 01. April 1958 wurde in die Bewaffnung der Raketenkomplex R-11M (8K11) mit Kernsprengkopf aufgenommen, mit denen auch die Brigaden mit ihren Eintreffen in der Truppe ausgerüstet wurden.

Im Mai 1958 flog eine Rekognoszierungsgruppe der 233. RBr unter der Führung des Brigadekommandeurs, Generalmajor der Artillerie A. K. Dudik, unter großer Geheimhaltung vor dem Personalbestand in die GSSD um die Eignung der ausgewählten "Militärstädtchen" in DDR für die Unterbringung der Truppenteile und Einheiten der Brigade zu besichtigen.

Die Verlegung der 233. Raketenbrigade in den Bestand der GSSD
Unter den Bedingungen strengster Geheimhaltung begann die Vorbereitung zur Verlegung der Brigade im Eisenbahntransport in die GSSD. Ende August war die Brigade bereit zur Verlegung. …

Zum Empfang der Transporte und der Unterbringung der ankommenden Truppenteile und Einheiten in den Standorten in der GSSD wurde eine operative Gruppe der 233. RBr unter der Führung des Stellv. des Brigadekommandeurs und des Stellv. für Technische Ausrüstung voraus geschickt.

Die Eisenbahntransporte der Brigade wurden als Transporte von Panzertruppen getarnt. Die Artillerieabzeichen des Personalbestandes wurden gegen Panzerabzeichen getauscht. Die gesamte auf der Eisenbahn verladene Raketentechnik, die großen Spezialfahrzeuge usw. wurden getarnt. …

Die Brigade wurde mit 16 Eisenbahntransporten verlegt, ein Transport pro Tag. Der erste Zug fuhr am 01. Sept. 1958 ab. Der Brigadekommandeur verblieb bis zum letzten Transport in Klinzy. Am 16. Sept. fuhr der letzte Transport ab. Die Züge wurden auf nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Flugplätzen und anderen Basen der GSSD entladen.

In der zweiten Septemberhälfte 1958 beendet die 233. Raketenbrigade die Verlegung und bezog drei "Militärstädtchen" der GSSD:

- die Führung der Brigade, die Einheiten der Gefechtssicherstellung und die Einheiten der rückwärtigen und technischen Sicherstellung sowie die 16. selbst. Raketenabteilung das Objekt in Kochstedt (5 km südwestl. der Stadt Dessau)

- die 15. selbst. Raketenabteilung das Objekt in der Stadt Oschatz (zwischen der Stadt Leipzig und der Stadt Dresden) und

- die 33. selbst. Raketenabteilung das Objekt in der Stadt Borna (20 km südl. Leipzig).

Erste Bemerkung:
Im Gegensatz zu den bisher bekannten Informationen über die Stationierung von sowjetischen Raketen auf dem Territorium der DDR, traf also die 233. RBr bereits ein Jahr früher ein, nämlich im Sept. 1958. Bisher galten die Stationierung der 635. RA in Fürstenberg und der 638. RA in Vogelsang als erste Raketenstationierung in der DDR.


Durch die Eingliederung der 233. RBr in den Bestand der GSSD erhöhten sich die Möglichkeiten der Gruppe zur Vernichtung wichtiger Objekte des Gegners, die in der operativen Tiefe der NATO stationiert waren. Zu solchen Objekten zählten dessen Kernwaffeneinsatzmittel, seine Führungspunkte und -zentren, seine Luftstreitkräfte auf den Flugplätzen und die Mittel der Luftverteidigung, Hauptgruppierungen der Truppen und operativen Reserven, Nachrichtenzentren, Basen mit Reserven an materiellen Mitteln u. a.

Die Raketenabteilungen der Brigade waren anfänglich mit operativ-taktischen Raketen R-11 (8A61) mit konventionellem Gefechtskopf (Sprengwirkung) ausgerüstet, deren Reichweite 270 km betrug.

Die Entfernung der Raketenschläge auf Objekte der NATO, die sich auf dem Territorium der BRD befanden, konnte 200 km und mehr betragen, je nach Entfernung der Feuerstellungen der Startbatterien von der Grenze zur BRD. Die maximale Reichweite erlaubte Raketenschläge auf gegnerische Objekte unmittelbar aus den ständigen Stationierungsstandorten, die am weitesten von der westlichen Grenze der DDR entfernt waren (Stadt Oschatz 200 … 210 km, Stadt Borna ca. 180 km). …

Die Stellungsräume für die Raketenabteilungen wurden in einer Entfernung von 50 km von der westlichen Grenze der DDR nordöstlich und südwestlich von der Stadt Aschersleben (52 km südwestl. der Stadt Dessau) festgelegt. Von diesen Stellungsräumen aus konnten mit Raketenschlägen der Brigade solche großen Städte der BRD, wie Hamburg, Bremen, Hannover, Dortmund, Offenbach und viele andere wichtige Objekte der NATO erreicht werden. …

Ende 1958 traf aus der UdSSR die BRTB unter dem Kommando von Oberst S. A. Kotko in der DDR ein, welche auch in dem Objekt untergebracht wurde, in dem bereits die Führung der Brigade und die 16. selbst. Raketenabteilung lag. Nach dem für die BRTB ein spezielles Objekt vorbereitet worden war, wurde sie an den neuen Standort Dessau-Kapen verlegt. … Die Handlungen der BRTB bei der Zuführung der Gefechtsköpfe zur Brigade wurden mit Chef der Artilleriebewaffnung der GSSD in einem gesonderten Plan festgelegt. …

1959 wurden die Raketenabteilungen der 233. Brigade auf den Raketenkomplex R-11M umgerüstet. Der bewegliche Raketenkomplex mit selbstfahrender Startrampe 8U218 auf Kettenbasis und Rakete mit Kernsprengkopf erhöhte wesentlich die Vernichtungskraft und die Beweglichkeit, aber auch insgesamt die Gefechtsbereitschaft der Abteilungen und der Brigade. Die Rakete R-11M für die Streitkräfte wurde auf Beschluß der Regierung vom 26. Aug. 1954 entwickelt. Sie unterschied sich von der R-11 durch Bestückung mit der Kernladung RDS-4, die über eine Sprengkraft von 10 kT TNT verfügte. Die Startrampe 8U218 wurde in Leningrad im Kirow-Werk auf der Basis des Fahrgestells der SFL ISU-152K entwickelt. Die Masse der Startrampe betrug 40 Tonnen, die Vmax 42 km/h. In Weiteren wurde im Kirow-Werk für die Rakete R-11M eine selbstfahrende Startrampe auf der Basis des schweren Panzers IS-2 entwickelt.

Zweite Bemerkung:
Im Verlaufe des Jahres 1959 erhielt die 233. RBr die Rakete R-11M, die Raketen mit Kernsprengkopf verschießen konnte. Somit befand sich im Bestand der GSSD die erste mit ausgerüstete Raketenbrigade operativ-taktischer Zweckbestimmung, die Raketen mit Kernsprengköpfen verschießen konnte.


Ende 1958 / Anfang 1959 kam aus dem Karpaten-Militärbezirk die 77. RBr unter dem Kommando dem von Oberst G. E. Gumenjuk an. Damit verfügte die GSSD bereits über zwei Raketenbrigaden operativ-taktischer Bestimmung. Die Führung und der Stab der 77. RBr wurden in Weißenfels untergebracht, die übrigen Raketenabteilungen in anderen Standorten (mindestens eine in Jena-Forst und wahrscheinlich eine in Naumburg - Anm. d. Verf.)

Nach der 233. RBr wurde die 77. RBr der GSSD auf den Raketenkomplex R-11M umgerüstet, also auf Raketen mit Kernsprengkopf umgerüstet.

Dritte Bemerkung:
Die GSSD verfügte 1959 also bereits über zwei Raketenbrigaden operativ-taktischer Zweckbestimmung, die Raketen mit Kernsprengköpfen verschießen konnten.


Die Mehrzahl der Raketenabteilungen der 233. und 77. Raketenbrigade war in einer Entfernung von der westlichen Grenze der DDR stationiert, die die maximale Reichweite der Reichweite der R-11M von 150 km überstieg. Raketenschläge von Startpositionen auf Objekte der NATO auf dem Territorium der BRD, die in der Nähe der Punkte der ständigen Stationierung lagen, konnten nur die 16. selbst. RA der 233. RBr (Kochstedt) und eine selbst. RA (Jena) der 77. RBr mit einer Entfernung von 100 und 75 km von der Grenze der DDR führen. …

Vierte Bemerkung:
In Jena-Forst war also 1959 mindestens eine selbst. Raketenabteilung der 77. RBr stationiert, die Raketen mit Kernsprengköpfen verschießen konnte.


Quellenangaben:
1. Quelle: http://scucin-avia.narod.ru/dalnij/prtb ... 233rbr.htm

2. Quelle: http://www.bestin.ru/forum/viewtopic.ph ... view=print

Auf dieser Seite ist unter der Überschrift "Ракетный комплекс 9К72" folgendes 77-seitiges Dokument "О РАКЕТАХ, РАКЕТНЫХ ФОРМИРОВАНИЯХ И 233-й РАКЕТНОЙ БРИГАДЕ" abgedruckt.

Nach meiner Meinung wird in diesem Dokument zweifelsfrei belegt, daß die 233. Raketenbrigade im Zeitraum 06. Sept. bis 6. Okt. 1958 in die DDR verlegt worden ist und im Verlaufe der Umrüstung auf den Raketenkomplex R-11M im Jahre 1959 auch Kernsprengköpfe erhielt, natürlich nicht sie selbst, sondern die sie sicherstellende 3652. BRTB., die Ende 1958 aus der UdSSR in die DDR nach Kochstedt verlegt worden war. Diese BRTB wurde nach Fertigstellung der Kaserne später in Dessau-Kapen stationiert.

Panzermann
Zuletzt geändert von Panzermann am Samstag 1. Februar 2014, 13:21, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: fachliche Korrektur
Nur wer die Geschichte kennt, der versteht auch die Gegenwart. Die Geschichte ist keine Schiefertafel auf der man beliebig etwas hinzuschreiben oder wegradieren kann.
Benutzeravatar
Panzermann
Moderator
 
Beiträge: 133
Registriert: Dienstag 23. November 2010, 12:28
Wohnort: Erfurt

Zurück zu Jonastal u. weitere Umgebung nach 1945 - russische und DDR-Nachnutzung - wegen Neuordnung gesperrt - als Archiv gespeichert

  • VISITORS

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Design by GB