Raketenkomplex 15P666 "Skorost" in der DDR?

Moderator: Panzermann

Raketenkomplex 15P666 "Skorost" in der DDR?

Beitragvon Panzermann » Sonntag 18. März 2012, 15:43

Nach der Erarbeitung meines Beitrages "SS-20 in der DDR bzw. in Thüringen?" für unser Forum bin ich auf russischen Internetseiten bzw. in russischen Internetforen auf einige interessante Informationen zum bodengestützten ballistischen Raketen-komplex mittlerer Reichweite 15P666 "Skorost", Rakete 15Sch66 (russ. Комплекс 15П666 "Скорость", ракета 15Ж66) gestoßen. Da dieser Komplex auch auf dem Territorium der DDR stationiert werden sollte und wahrscheinlich für diesen Komplex schon entsprechende bauliche Voraussetzungen auf dem TrÜbPl Altengrabow im Jahre 1985 geschaffen worden sind, denke ich, daß dieser Beitrag interessant sein könnte.

Nachfolgend habe ich einige Informationen zum Raketenkomplex 15P666 "Skorost" aus der nachstehenden Quelle sinngemäß übersetzt und teilweise ergänzt.
Quelle: http://military.tomsk.ru/blog/topic-445.html (abgerufen am 22. Febr. 2012 12:05)

Der Raketenkomplex 15P666 "Skorost" mit der Rakete 15Sch66 gehörte nach sowjetischer Klassifikation zu den ballistischen Raketenkomplexen mittlerer Reichweite. Er wurde als mobiler, bodengestützter und vorwärts basierter Raketenkomplex (подвижный грунтовый ракетный комплекс передового базирования) klassifiziert, der ab 1982 unter Nutzung der Entwicklungsarbeiten und Baugruppen folgender Raketenkomplexe konstruiert wurde:

- des Raketenkomplexes mittlerer Reichweite 15P645 "Pionier", Rakete 15Sch45 / RSD-10 / RT-21M, Nato-Code: SS-20 - SABER (15П645 "Пионер", ракета 15Ж45 / РСД-10/ РТ-21М - Nato-Code: SS-20 SABER mod.1)
- des Raketenkomplexes mittlerer Reichweite 15P157 "Pionier-3", Rakete 15Sch57 (15П157 "Пионер-3", ракета 15Ж57, Nato-Code: SS-X-28 SABER). Dieser Komplex verfügte über eine neue Startrampe und eine neue Rakete, im Unterschied zur "Pionier".
- des Interkontinentalraketenkomplexes 15P158 "Topol", Rakete 15Sch58 / RS-12M - Nato-Code: SS-25 - Sickle) und
- der perspektivischen Interkontinentalrakete 15Sch65 "Topol-M" / RS-12M2 (NATO-Code:SS-X-27 Mod.1 Sickle-B)

Am 23. Nov. 1983 wurde auf Initiative des damaligen Verteidigungsministers der UdSSR und Marschalls der Sowjetunion D. F. Ustinow die Entscheidung über die Entwicklung des Raketenkomplexes "Skorost" und dessen Stationierung in Europa, darunter in den Staaten der Warschauer Vertragsorganisation, getroffen. Marschall Ustinow soll auch der Autor der Bezeichnung des Raketenkomplexes gewesen sein. Im Dez. 1983hatte das Verteidigungsministerium der UdSSR die taktisch-technischen Forderungen für den Komplex bestätigt. Im April 1984 bestätigte dann die Kommission für Verteidigungsindustrie des Verteidigungsministeriums der UdSSR den Zeitplan für die Entwicklung des Komplexes. Die Montage der Rakete wurde vom "Воткинский машиностроительный завод" durchgeführt. Dieses Werk produzierte u.a.

- ab 1962 die operativ-taktische Rakete 9M76 des RaketenKomplexes 9K76 "Temp-S" (9К76 "Темп-С"). Dies war die erste Rakete der sowjetischen Streit-kräfte mit festem Treibstoff.
- ab 1974 die Interkontinentalrakete 15Sch42 (15Ж42) des mobilen bodengestützten Raketenkomplexes 15P642 "Temp-2S" (15П642 "Темп-2С"),
- ab 1975 die ballistische Rakete mittlerer Reichweite 15Sch45 (15Ж45) des Ra-ketenkomplexes 15P645"Pionier" (15П645 "Пионер")
- ab 1976 die operativ-taktische Rakete 9M714 des Raketenkomplexes 9K714 "Oka" (9К714 "Ока")
- ab 1989 die taktische Rakete 9M79-1 des Raketenkomplexes 9K79-1 "Totschka-U" (9К79-1 "Точка-У")
- ab 1998 die strategische Interkontinentalrakete "Topol M" ("Тополь-М")
- ab 2006 die operativ-taktische Rakete 9M723-1 des Komplexes 9K720 "Iskan-der-M" ("Искандер-М")

Die Aufstellung zeigt, daß das "Воткинский машиностроительный завод" eines der wichtigsten Werke zur Produktion sowjetischer bzw. russischer Raketen war und noch heute ist. Dieses Werk befindet sich in der gleichnamigen Stadt der Udmurtischen Republik. Udmurtien liegt im europäischen Teil Rußlands westlich des Uralgebirges zwischen den Flüssen Kama und Wjatka.

Der Raketenkomplex 15P666 "Skorost" wurde zur schnellen, wörtlich zur "blitzartigen", Vernichtung der Startstellungen der Mittelstreckenraketen "Pershing-2" und anderer Kernwaffeneinsatzmittel sowie zur Vernichtung militärischer Objekte der NATO in Westeuropa von Positionen in der DDR und CSSR aus entwickelt. Die Stationierung des Raketenkomplexes "Skorost" in Europa wurde im Zusammenhang mit der Verlegung von SS-20-Truppenteilen (RSD-10 "Pionier") nach Anadir auf die Halbinsel Tschukotka in die unterirdische Anlage "Portal" geplant. Tschukotka befindet sich in der Region Russisch-Fernost im äußersten Nordosten Russlands (Asien). Mit dieser Verlegung sollten wichtige militärische Objekte auf einem Teil des Territoriums der USA und Kanadas bekämpft werden. 1984 wurde zum Schutz der SS-20 (RSD-10), die dort stationiert werden sollten, die 99. MSD in den Raum der unterirdischen Anlage "Portal" verlegt.

Bemerkung:
Es wird eingeschätzt, daß die Stationierung der Raketenkomplexe "Skorost" das Zünglein an der Waage des atomaren Gleichgewichts in Europa zugunsten der UdSSR verschoben hätte. Mit der Stationierung der Raketenkomplexe "Skorost" in der DDR und der CSSR hätten die in Europa stationierten Mittelstreckensysteme der NATO unter der ständigen Gefahr einer blitzartigen Vernichtung gestanden. Außerdem wäre mit der Verlegung der RSD-10 "Pionier" (SS-20) auf die Tschuktschen-Halbinsel eine Gefahr für die nordwestlichen und westlichen US-Staaten mit ihren wichtigen militärischen und industriellen Objekten entstanden, natürlich auch für Alaska und die Aleuten (Inselkette zwischen Nordamerika und Asien am Südrand des nordpazifischen Beringmeers). Faktisch alle Funkmeßstationen der USA, die die nordwestliche Zone überwachen, wären im Visier der RSD-10 "Pionier" (SS-20) gewesen. Ebenso die Basis für Atom-U-Boote der USA in der Nähe von Seattle.

1984 wurde im Verlauf des Manövers "Запад-84" unter Teilnahme der 24. Raketen-divison der Strategischen Raketentruppen der UdSSR, die noch mit der Mittelstre-ckenrakete R-12 ausgerüstet war, die Einsatztaktik für die Mittelstreckenrakete "Sko-rost" erprobt, wobei die 24. Raketendivision durch Offiziere aus Raketentruppentei-len, die mit RSD-10 "Pionier" ausgerüstet waren, unterstützt wurden.

In der DDR wurden Anfang 1985 wurden Anlagen bzw. Gebäude für die technischen Stellungen des Raketenkomplexes "Skorost" und Plätze für die Unterbringung von vier Raketenabteilungen (Raketenregiment) errichtet. Aber nach dem Tod Andropows im Febr. 1984 und Ustinows im Dez. 1984 war die Möglichkeit der Realisierung fraglich geworden.

Die Rakete wurde auf der Basis der zweiten und der dritten Stufe der Interkontinen-talrakete RS-12M "Topol" und Kopfteiles der Mittelstreckenrakete RSD-10 "Pionier" (SS-20) mit 3 unabhängig voneinander lenkbaren Gefechtsköpfen entwickelt. Zur Durchführung von Erprobungen wurden 10 Raketen 15Sch666 und 30 Gefechtsköpfe produziert. Die Raketenerprobung begann ab 11. Jan. 1985 (nach anderen Angaben am 01. März 1985) mit einem Start auf dem Staatspolygon Kapustin Jar. Der Start wurde durch das System der Eigenvernichtung der Rakete beendet, weil eine Düse des Triebwerkes der 1. Stufe verbrannte. Danach wurde die Entwicklung des Raketenkomplexes faktisch 1986 eingestellt, obwohl die Konstrukteure sicher waren, daß die nächsten Tests erfolgreich sein würden.

Die Entwicklung des Raketenkomplexes wurde am 11. April 1985 nach einer Ent-scheidung des Ministerrates der UdSSR abgebrochen. Nach anderen Angaben wurde die Entwicklung des Komplexes am 07. März 1987 auf Weisung M. S. Gorbatschows im Zusammenhang mit der Unterzeichnung des INF-Vertrages beendet und die Raketen mit Gefechtsköpfen vernichtet.

Der Einsatz der Raketenkomplexe "Skorost" sollte in Gruppen aus geodätisch vorbereiteten Stellungen im Gebiet des ständigen Patrouillierens erfolgen.

Als Basis für die Startrampe diente der vierachsige geländegängige MAS-7908 mit der Antriebsformel 8x8, dessen Ladefähigkeit 36 Tonnen betrug. Das Gesamtgewicht betrug 60 Tonnen und die Gesamtlänge 13,79 Meter. Im Vergleich dazu betrug das Gesamtgewicht der sechsachsigen geländegängigen Startrampe der RSD-10 "Pionier" (SS-20) mit Rakete 84 Tonnen und die Gesamtlänge 19,3 Meter. Der Motor der Startrampe des Raketensystems "Skorost" vom Typ W-58-7 hatte eine Leistung von 522 kW (710 PS). Der Verbrauch auf 100 km ist mit 150 Liter Kraftstoff angegeben.

Es sind nur ganz wenig taktisch-technische Daten von der Rakete "Skorost" be-kanntgeworden, darunter die maximale Reichweite mit 4.000 km, wobei die minimale Reichweite weitaus niedriger sein mußte als die der SS-20 (min. Reichweite 600 km), wenn sie Ziele in der BRD bekämpfen sollte, wie es geplant war. Der Stationierung der Raketenkomplexe "Skorost" in der DDR und der CSSR hätte die NATO nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen gehabt. Es hätte keine Abwehrmöglichkeiten gegeben.

Nachfolgend sinngemäß übersetzte Erinnerungen des Zugführers eines Zuges des in Wittenberg-Lutherstadt stationierten militärischen Baubataillons (в/ч пп 05318).

"Meine Kommandeure im Bestand der Kompanie waren in Berlin, aber danach in Altengrabow. Das ist bei Riesa, Polygon Magdeburg. Wir bauten Startpositionen. Der Einheitskommandeur hieß Илья Иванович, an seinem Familienamen erinnere ich mich nicht, Stabschef war Еникеев. In Altengrabow verfügten wir über einen Mörtel-Zement-Mischpunkt. Wir bauten auch "Granit" - Stahlbetonhangare für Raketen, im Wald waren die Startstellungen für die Raketen mittlerer Reichweite. Wir hatten dort ein Zeltstädtchen. Ich dient dort im Zeitraum von 1979 bis 1984. …"

Unter folgender Internetadresse http://nazadvgsvg.ru/viewtopic.php?id=912&p=2 (abgerufen am 25. Febr. 2012) findet sich dieser Hinweise:
"In der DDR wurden Anfang 1984 Gebäude der technischen Stellungen für den Raketenkomplex "Skorost" errichtet, aber auch Plätze für die Unterbringung von vier Raketenabteilungen (Regiment). Die Vertreter des Zentralen Apparates der Raketentruppen kamen in die GSSD zur Besichtigung der o. g. Anlagen. Sie waren sehr zufrieden." Auf dieser Internetseite finden sich Google-Bilder von drei "geheimen kleinen Städtchen" auf dem TrÜbPl Altengrabow.

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