Anlässlich des 25. Jahrestages des Jonastalverein e.V. übergeben wir an den Ministerpräsident Dr. Mario Voigt folgenden offenen Brief
Offener Brief an den Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen – Mario Voigt
Erinnerungskultur in Zeiten wachsender rechter Tendenzen in Not
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident
Anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung der Lager von S III im Jahr 2025 unterzeichneten
die Landräte*Innen von Gotha und dem Ilm Kreis, die Bürgermeister von Arnstadt und Ohrdruf,
sowie die Stiftung Buchenwald eine Absichtserklärung (letter of Intent) zur Erhaltung und
Unterstützung des Jonastalvereins. Damit sollte die Erinnerungsarbeit auf stabile Füße gestellt
und die Zukunft des Dokumentationszentrums des Vereins gesichert werden. Die einzige
Unterschrift, die bis heute auf dieser Erklärung fehlt, ist die des Landes Thüringen.,
Aus unserer Sicht werden die Landkreise, das Land und der Bund ihrer Verantwortung noch
nicht ausreichend gerecht, Interessierten, Angehörigen von Opfern und der aktuellen
Generation, gleichwertig zu anderen Dokumentationszentren in Deutschland, über die
Hintergründe der Orte zu informieren und pädagogische Angebote zu ermöglichen.
Ehrenamtliche Initiativen werden trotz profunden Wissens nie die Ressourcen dazu haben,
diese gesellschaftliche Aufgabe auszufüllen. In den Initiativen, die auch immer ein Spiegel der
gesellschaftlichen Entwicklung sind, werden natürlich auch Stimmen laut, die die Geschichte
dann nur noch aus der Sicht der Vermarktung beurteilen. Am einfachsten funktioniert das,
wenn man die nachweisbaren Fakten und vorliegende Forschungen einfach ignoriert. Übrig
bleibt dann ein Dickicht aus neuen Theorien, „todsicheren“ Stellen für Schatzsucher und
Erlebnisorientierten. So dient regionale Geschichte heute oft leider nur noch der Unterhaltung
und kommerziellen Ausschlachtung, was aber nicht länger so bleiben muss. Die ist vermutlich
einer der Hauptgründe für die aktuelle und scheinbare Resignation bei der Forschung,
insbesondere auch über die Nachwirkung dieser Orte über die teils fehlende Aufarbeitung in
der DDR bis heute.
Der Jonastalverein e.V. begeht in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. In dieser Zeit hat
der Verein eine große Entwicklung durchgemacht und wird von vielen dafür gelobt und
geachtet. Dafür verantwortlich ist die fleißige und ausdauernde Arbeit von vielen ehrenamtlich
arbeitenden Mitgliedern des Vereins. Es ist allgemein anerkannt, dass diese Arbeit notwendig
und wichtig ist. Gerade in einer Zeit, in der Stimmen laut werden, die Erinnerungskultur um
180 Grad zu wenden, gewinnt die Arbeit für Demokratie, gegen Ausgrenzung und Rassismus
immer mehr an Bedeutung. Dieser Arbeit widmet sich unser Verein seit langer Zeit. Die
Aufgaben, die der Verein dabei übernommen hat, haben ständig zugenommen. Die
Wissensvermittlung zu diesem Thema im Unterricht der Schulen ist völlig unzureichend und
erfolgt viel zu spät. Das stellen wir im Rahmen unserer Arbeit ständig fest. Neben der
Erarbeitung eines digitalen Archivs, welches auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt
werden soll, der Betreuung von Projektarbeiten und Seminarfacharbeiten und der
Beantwortung von Fragen der Angehörigen ehemaliger Häftlinge von S III gibt es eine Reihe
weitere Aufgaben. Der Verein treibt die Forschung zum Projekt S III voran. Eine der
umfangreichsten Arbeiten dabei ist die Erfassung aller Häftlinge. Dabei arbeitet der Verein mit
der Stiftung Buchenwald, dem Arolsen Archiv und Forschern in den Niederlanden zusammen.
Außerdem müssen Öffnungszeiten abgesichert, geförderte Mitarbeiter betreut, Führungen und
Vorträge durchgeführt und ein Geschichtslehrpfad im Bereich der ehemaligen Baustelle im
Jonastal sauber und nutzbar gehalten werden.
In der aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung, bei der die Grundlagen der
wissenschaftlichen Erinnerungskultur mit Füßen getreten werden, in der Kriegsschuldleugner
und Holocaust-Verharmloser Zuspruch in der Bevölkerung erlangen, leisten Projekte wie im
Jonastal einen Beitrag zum Nachdenken und zu einer umfassenderen Erinnerungskultur. Die
mahnenden Stimmen von Zeitzeugen stehen uns in Zukunft leider nicht mehr zur Verfügung,
um in Schulen oder bei Gedenkveranstaltungen persönlich vom Leid, den Entbehrungen und
dem Überlebenskampf der Zwangsarbeiter zu berichten. Wir müssen daher neue Wege
beschreiten, um die Erinnerung, Mahnung und den Schwur der Buchenwald-Häftlinge wach
zu halten. Dazu ist neben der Bildungsarbeit auch die weitere Forschung notwendig.
Insbesondere die Frage, wie normale Menschen durch Duldung, Unterlassung oder sogar
aktive Teilnahme zu Tätern wurden, muss weiter erforscht und kommuniziert werden.
All diese Aufgaben sind ehrenamtlich nicht zu leisten. Das Ziel muss deshalb sein, die
Zukunft des Vereins durch finanzielle Zuschüsse zu sichern. Damit sind sowohl Sachkosten
als auch Personalkosten gemeint. Diese Kosten müssen auf Dauer gesichert werden, auch
damit die jungen Leute des Vereins und Interessierte eines Tages bereit sind, die Aufgaben
aus den Händen der älteren zu übernehmen und diese qualifiziert fortzuführen.
Auch die Installation eines Dokumentationszentrums am authentischen Ort sollte, zumindest
mittel- oder langfristig, nicht aus den Augen verloren werden. In der Praxis werden aber eher
bereits bestehende Verpflichtungen, wie die Pflege der Gedenkstätte am Zeltlager Espenfeld/
S III, nicht erfüllt.
Deshalb sehen wir auch das Land Thüringen in der Verantwortung. Anfragen jeglicher Art
wurden in der Vergangenheit stehts ausweichend beantwortet, obwohl sich das Land nach
eigenen Angaben seiner Verantwortung bewusst ist. Wie uns bekannt wurde, hat sich auch
unsere Landrätin Frau Petra Enders bereits persönlich um Unterstützung durch die
Landesregierung bemüht. Diese wurde genauso abschlägig beantwortet, wie die Anfrage des
Abgeordneten Christrian Schaft (DIE LINKE). Der Verweis auf Unterstützung für einzelne
Projekte durch Lottomittel reicht da nicht aus. Damit muss Schluss sein. Wir fordern Das Land
Thüringen auf endlich Farbe zu bekennen.


















